Große Vielfalt im hohen Gras

Alte Grasstreifen auf der DBU-Naturerbefläche Landshut schaffen neuen Lebensraum

Landshut. Mit struppig, chaotisch, ungepflegt oder wild würden einige den Blick auf die Plaika im Norden der DBU-Naturerbefläche Landshut beschreiben. Dabei sind die sogenannten Altgrasstreifen mit hohem Gras nicht vergessen worden, sondern bewusst geschaffener Lebensraum. „Naturschutz beginnt genau hier. Bei jeder Mahd lässt der landwirtschaftliche Betrieb der Vilstalschäfer ein Teil der Wiesenfläche stehen, der Insekten, Amphibien und Vögeln vielfältige Lebens-, Rückzugs- und Nahrungsräume bietet“, erklärt Dr. Roland Schröder, Offenlandmanager im DBU Naturerbe, eine Tochtergesellschaft der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU).

Altgrasstreifen: Bei jeder Mahd werden circa zehn Prozent der Wiesenfläche stehengelassen und in Form von Streifen oder kompakten Inseln von der Mahd ausgespart.

Ungemäht für den Naturschutz

Es kreucht und fleucht zwischen den Grashalmen und es tummeln sich zahlreiche Vögel und Insekten am Blütenbuffet im Grünland. Gleichzeitig steht die Heumahd an. „Früher zog sich die Heuernte über eine längere Zeit hin und die Tiere konnten ringsherum auf ungemähte Flächen ausweichen. Mit den modernen Maschinen und Mähwerken werden Wiesen innerhalb weniger Stunden abgemäht. Da bleibt für die Tierwelt nur wenig übrig und es gibt kaum Ausweichmöglichkeiten“, erklärt Schröder. Sogenannte Altgrasstreifen können helfen. Dazu werden bei jeder Mahd circa zehn Prozent der Wiesenfläche stehengelassen und in Form von Streifen oder kompakten Inseln von der Mahd ausgespart. So bleiben unterschiedliche Strukturen auf der Fläche erhalten. „Altgrasstreifen bieten nicht nur im Sommer Lebensraum, sondern können auch als Winterquartiere in der offenen Landschaft dienen. Insekten überwintern in den Pflanzenstängeln oder am Boden“, erklärt Fabian Hertrich, Gebietsbetreuer der Stadt Landshut. Er ergänzt „Wichtig ist aber, dass die Altgrasstreifen, die neben den dominierenden Gräsern auch viele krautige Pflanzenarten enthalten, im nächsten Jahr wieder an anderer Stelle angelegt werden, um die Pflanzenzusammensetzung nicht zu beeinträchtigen.“

Alte Grasstreifen schaffen neuen Lebensraum

„Wer genau hinschaut, sieht keine ungepflegte Wiese, sondern vielfältigen und wertvollen Lebensraum“, betont Elisabeth Lex-Wagner, Biodiversitätsberaterin der Stadt Landshut. Während der Mahd werden in den Altgrasstreifen zahlreiche Tiere wie Heuschrecken und Spinnen verschont, die den schnellen Maschinen nicht ausweichen können. Nach der Mahd dienen die Streifen ihnen als Rückzugsräume und bieten Futter sowie Deckung vor Feinden. Ebenso fühlen sich Wiesenvögel in den ungenutzten Bereichen wohl und finden dort geeignete Brutplätze und Sitzwarten, von denen sie zur Nahrungssuche die Umgebung beobachten können. Feldhasen und weitere Kleintiere finden in dem hohen Gras Ruhe- und Deckungsbereiche. Wildbienen und Schmetterlinge profitieren von dem langfristigen Nahrungsangebot an Blüten oder Blattwerk. Ein weiterer Vorteil: Auch spätblühende Pflanzenarten kommen bis zur Samenreife. Lex-Wagner: „Nach der Mahd sind die Altgrasstreifen wiederum Startpunkt, von denen aus die Tiere die gemähten Bereiche nach und nach besiedeln.“

Neuer Lebensraum: Bei jeder Mahd lässt der landwirtschaftliche Betrieb der Vilstalschäfer ein Teil der Wiesenfläche stehen, der Insekten, Amphibien und Vögeln vielfältige Lebens-, Rückzugs- und Nahrungsräume bietet.

Ohne Mahd keine blühenden Wiesen

Bunte Wiesen sind besondere Lebensräume: artenreich aber mittlerweile selten in Deutschland. „Sie sind seit Jahrhunderten von Menschen und Landwirtschaft geprägt, doch verschwinden zunehmend aus unserer Kulturlandschaft, obwohl Deutschland für sie europäische Verantwortung trägt“, sagt Schröder. Er ergänzt: „So widersprüchlich es erscheinen mag, trug der militärische Übungsbetrieb zunächst von der Nationalen Volksarmee und nach der Wiedervereinigung von der Bundes­wehr zum Erhalt der Grünlandwiesen bei. Die Fläche blieb frei von intensiver Landwirtschaft, ohne Umbruch sowie Acker- oder Grünlandnutzung mit erhöhtem Einsatz von Dünge- und Pflanzenschutzmitteln.“ Einerseits reagiert der nach Flora-Fauna-Habitatrichtlinie geschützte Lebensraum sensibel auf Düngemittel und auf zu häufige Mahd, andererseits ist er auf regelmäßige Nutzung angewiesen. „Wiesen sind durch Mahd entstanden. Ganz ohne Pflegemaßnahmen würden die Wiesen nach und nach verbuschen, zu Wald werden und letztendlich verschwinden. Extensiv bewirtschaftet sind sie hingegen wahre Schatzkisten der Artenvielfalt“, verdeutlicht Schröder. Die rund 190 Hektar große DBU-Naturerbefläche Landshut umfasst neben vielen Offenlandflächen weitere Strukturen aus Mischwäldern, alten Nadelbäumen und Kleingewässern. Sie ist Teil des Nationalen Naturerbes und dem Naturschutz gewidmet.

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