Große Vielfalt im hohen Gras

Altgrasstreifen auf der DBU-Naturerbefläche Wersener Heide bieten neuen Lebensraum
Wertvoller Lebensraum: Bei jeder Mahd werden bis zu zehn Prozent der Wiesenfläche stehengelassen und in Form von Streifen oder kompakten Inseln von der Mahd ausgespart.
© Jörg Tillmann/DBU Naturerbe

Westerkappeln. Regelmäßig stechen aus dem mittlerweile gemähten Grünland auf der DBU-Naturerbefläche Wersener Heide lange Halme oder vertrocknete Blütenstängel hervor. Besonders in der Grünlandkulisse des Vogelpohl ist diese Naturschutzmaßnahme gut wahrzunehmen.  Dabei sind die sogenannten Altgrasstreifen mit hohem Gras als Lebensraum nicht vergessen, sondern gemeinsam mit der örtlichen Landwirtschaft bewusst geschaffen worden. „Naturschutz beginnt genau hier. Bei jeder Mahd lassen die landwirtschaftlichen Betriebe einen Teil der Wiesenfläche stehen, der Insekten, Amphibien und Vögeln vielfältige Lebens-, Rückzugs- und Nahrungsräume bietet“, erklärt Dr. Jörg Tillmann, Offenlandmanager im DBU Naturerbe, eine Tochtergesellschaft der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU).

Ungemäht für den Naturschutz

Es kreucht und fleucht zwischen den Grashalmen und es tummeln sich zahlreiche Vögel und Insekten am Blütenbuffet im Grünland.  „Früher zog sich die Heuernte über mehrere Wochen hin und war aufgrund der damaligen Technik auch wesentlich langsamer als heute. Die Tiere konnten ringsherum ins Grünland auf ungemähte Flächen ausweichen. Mit den modernen Maschinen und Mähwerken werden Wiesen heute innerhalb kürzester Zeit großflächig abgemäht. Da bleibt für die Tierwelt nur wenig übrig und es gibt kaum Ausweichmöglichkeiten. Aus Sicht der Wiesenbewohner entspricht das dem landläufig als „Ernteschock” bezeichneten Phänomen“, erklärt Tillmann. Sogenannte Altgrasstreifen können helfen. Dazu werden bei jeder Mahd bis zu zehn Prozent der Wiesenfläche stehengelassen und in Form von Streifen oder kompakten Inseln von der Mahd ausgespart. So bleiben unterschiedliche Strukturen auf der gemähten Fläche erhalten. „Altgrasstreifen bieten nicht nur im Sommer Lebensraum, sondern können auch besonders als Winterquartiere und Deckung für eine Vielzahl von Organismen in der offenen Landschaft dienen. Insekten überwintern in den Pflanzenstängeln oder am Boden. Das ist insgesamt ein äußerst erfolgreiches Instrument des Artenschutzes mit der Landwirtschaft“, erklärt Tillmann. Er ergänzt: „Wichtig ist aber, dass die Altgrasstreifen, die neben den dominierenden Gräsern auch viele krautige Pflanzenarten enthalten, im nächsten Jahr dann an anderer Stelle angelegt werden, um eine ungewünschte Verbrachung auszuschließen und damit die Aufwuchsqualität im Hinblick auf die weitergehende Nutzung des Grünlandes als Futter oder Einstreu in der Landwirtschaft zu gewährleisten.“

Wer genau hinschaut, wird feststellen, dass es auf dem gemähten Grünland nach der Mahd still wird, in Altgrasflächen hingegen weiterhin zirpt, summt, brummt und blüht. Insekten, Amphibien und Vögel finden vielfältige Lebens-, Rückzugs- und Nahrungsräume.
© Jörg Tillmann/DBU Naturerbe

Altgrasstreifen schaffen neuen Lebensraum

„Wer genau hinschaut, wird feststellen, dass es auf dem gemähten Grünland nach der Mahd still wird, in Altgrasflächen hingegen weiterhin zirpt, summt, brummt und blüht“, betont Tillmann. Während der Mahd werden in den Altgrasstreifen zahlreiche Tiere wie Heuschrecken und Spinnen verschont, die den schnellen Maschinen nicht ausweichen könnten. Nach der Mahd dienen ihnen die ausgesparten Areale als Rückzugsräume und bieten weiterhin Futter sowie Deckung vor Feinden. Ebenso fühlen sich Wiesenvögel wie das Schwarzkehlchen in den ungenutzten Bereichen wohl und finden dort geeignete Brutplätze und Sitzwarten, von denen sie zur Nahrungssuche die Umgebung beobachten können. Grasfrösche finden in dem hohen Gras geeignete Landlebensräume. Schmetterlinge, Wildbienen, Schwebfliegen, Heuschrecken und verschiedene Zikaden profitieren von dem langfristigen Nahrungsangebot an Pollen und Pflanzensäften. Ein weiterer Vorteil: Auch spätblühende Pflanzenarten kommen bis zur Samenreife. Tillmann: „Nach der Mahd sind die Altgrasstreifen wiederum Startpunkte, von denen aus die Tiere die gemähten Bereiche nach und nach zurückerobern.“

Ohne Mahd keine blühenden Wiesen

Extensiv bewirtschaftete Magerwiesen sind besondere Lebensräume: artenreich, aber mittlerweile selten in Deutschland. „Sie sind seit Jahrhunderten von Menschen und Landwirtschaft geprägt, doch sie verschwinden zunehmend aus unserer Kulturlandschaft, obwohl Deutschland für sie nationale Verantwortung trägt“, sagt Tillmann.  Ihr Erhalt hängt von einer extensiven Bewirtschaftung, also einer Nutzung ohne Düngung und mit wenigen Mahdterminen im Jahr ab. „Die meisten Wiesen in der Wersener Heide werden derzeit einmal oder zweimal jährlich gemäht, um einer Verbuschung und Verbrachung entgegenzuwirken“, verdeutlicht Tillmann. 2017 hat das DBU Naturerbe den ehemaligen militärischen Übungsplatz als Teil des Nationalen Naturerbes vom Bund übernommen. Die rund 1.000 Hektar große DBU-Naturerbefläche Wersener Heide im Nordosten des Kreises Steinfurt (Nordrhein-Westfalen) sowie einem kleineren Teilbereich im Kreis Osnabrück (Niedersachsen) ist damit komplett dem Naturschutz gewidmet.

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