
Osnabrück. Membranfilter-Ingenieur Dr. Klaus Vossenkaul (61), Gründer und Geschäftsführer von Membion mit 40 Mitarbeitenden aus Roetgen bei Aachen, ist am Sonntag von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) mit dem Deutschen Umweltpreis ausgezeichnet worden, einem der höchstdotierten Umweltauszeichnungen Europas in Höhe von gesamt 500.000 Euro. Er teilt sich die Summe mit der Hamburger Umweltjuristin Dr. Roda Verheyen. Überreicht wurde die Ehrung von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bei einem Festakt in Aachen. Welcher Mensch verbirgt sich hinter dem frisch gekürten Preisträger? Besuch bei einem Bodenständigen, der den Globus erkundet hat – und auf einer Weltreise in jungen Jahren mit dem österreichischen Künstler Friedensreich Hundertwasser getrampt ist.

In seinem Elternhaus, in dem er mit drei Geschwistern aufwuchs, sei er der Problemlöser gewesen, erzählt Vossenkaul beim Gespräch in seinem Garten. Manchmal sogar in eigener Mission, wenn ihm als Kind ein Missgeschick widerfuhr und er das irgendwie plausibel erklären musste, sagt er und lacht. Diese Beharrlichkeit hat er sich bewahrt und das erreicht, wofür er nun von der DBU mit dem Deutschen Umweltpreis gewürdigt wird: Die von ihm entwickelten Hohlfaser-Membranfilter hieven Abwasserreinigung auf ein neues Level. Unverzichtbar, um trotz Extremwetters wie Hitze- und Dürreperioden infolge des Klimawandels Wasser künftig noch effektiver wiederzuverwenden und Trinkwasserreserven besser zu schonen. Zudem wappnet die Membion-Technologie Kläranlagen für eine neue Ära.
In Wolfsburg entsteht die größte Membran-Kläranlage mit Membion-Technologie
Denn bis Ende Juli 2027 muss die Kommunalabwasser-Richtlinie (KARL) der Europäischen Union (EU) in nationales Recht umgesetzt sein. In den Folgejahren sind Kläranlagen ab bestimmter Größe sowie in Risikogebieten zum Schutz von Gewässern vor Mikroschadstoffen mit einer vierten Reinigungsstufe aufzurüsten. Üblich sind bisher drei mechanisch-biologisch-chemische Schritte. Membranfiltertechnologie gibt es schon länger – technisch und ökologisch klassischen Klärwerken mit Rundbecken zwar überlegen. Aber oft zu teuer, unter anderem wegen unablässig notwendiger Spülung zum Sauberhalten der Membranen. Vossenkauls Hohlfaser-Membranfilter sind mit maximaler Energieeffizienz und minimalem Platzbedarf nun auch kostenmäßig konkurrenzfähig. Und liefern kristallklares Wasser. Eine echte Option also für Kläranlagen im neuen KARL-Zeitalter. DBU-Generalsekretär Alexander Bonde: „Das ist GreenTech made in Germany und hat das Zeug zum Exportschlager.“ Bester Beleg: In Wolfsburg-Stahlberg entsteht die größte Membran-Kläranlage Deutschlands – mit Membion-Technologie.

In der Produktionshalle in Monschau-Imgenbroich läuft buchstäblich alles wie am Schnürchen
Es surrt und klackt und brodelt. In der Membion-Produktionshalle in Monschau-Imgenbroich läuft buchstäblich alles wie am Schnürchen: Vossenkaul und seine Mitstreiter haben ein Produktionscluster entwickelt, in dem auf zwei Etagen die Hohlfasermembranen vollautomatisiert hergestellt werden: Röhrchen dünn wie Spaghetti, hohl wie Makkaroni und mit einer Länge von 1,60 Meter. Eine hochkomplexe Angelegenheit, bei der mittels einer Polymerlösung die Feinstporen produziert werden, damit die später in den Kläranlagen eingesetzten Membranen problematische Stoffe wie Mikroplastik, Krankheitserreger und multiresistente Keime filtern und „superklares Wasser“ (Bonde) generieren, das aus den Kläranlagen in die Oberflächengewässer abfließt. Aber nicht alles kann hier fotografiert werden. So mancher Produktionsschritt ist patentgeschützt und Betriebsgeheimnis.

Monatelang zig-Tausende Patente gesichtet
Vossenkaul – drahtig, wache Augen, Nickelbrille – treibt fast jeden Morgen Sport. Solche Ausdauer hat ihn zeitlebens geprägt. Besonders als er und sein Kompagnon, Verfahrenstechnik-Ingenieur Dirk Volmering, nach Membion-Gründung 2012 sich zunächst ausschließlich auf die innovative Weiterentwicklung der Membranbioreaktor(MBR)-Technologie fokussierten „und monatelang zig-Tausende Patente“ sichteten, um zu prüfen, welche neuen Ideen marktfähig sind. Ausdauer auch bei immer neuen Erfindungen. Vossenkaul verfügt mittlerweile über 28 Patente, davon zehn für Membion – die er inzwischen zur Einreichung beim Patentamt selbst verfasst. Er sei ein „Losgeher“, so Vossenkaul. Anfangen, ohne alles im kleinsten Detail abgewogen zu haben, ist seine Devise. Weil man sonst erst gar nicht aufbricht. „Miss nie die Höhe eines Berges, bevor Du ihn erklommen hast“, sagt der Preisträger. Diese Einstellung hat Vossenkaul wohl auch zum Seriengründer werden lassen: Seine Innovationen in der Membranfiltertechnologie bauen auf langjährige Erfahrungen in der Produktentwicklung und in früheren Firmen auf.

Musik ist seine Leidenschaft: Gesang mit A-Cappella-Quartett „Lovely Mr Singing Club“
Vossenkaul, eher kein Krawattentyp, ist im positiven Sinn kreativ-verrückt. Bei offiziellen Events trägt er schon mal auffallend bunte Socken oder taucht in kurzer Hose auf. Beim Musizieren und Singen geht ihm das Herz auf – erst recht, um anderen eine Freude zu bereiten. Unter anderem im A-Cappella-Quartett „Lovely Mr Singing Club“ („Mein lieber Herr Gesangsverein“), fast eine Familien-Kombo mit Bruder Gerd, Vetter Waller und Kumpel Töm. Mit Stücken von Mozart über Comedian Harmonists bis Beatles und Queen. Pure Lebenslust, unkonventionell und manchmal mit Flausen: Ohne Geld in der Tasche reisten sie einst durch Deutschland, Österreich und die Schweiz, hielten sich allein mit Gesang finanziell über Wasser. Ein Wirt am Münchner Viktualienmarkt engagierte sie sogar vom Fleck weg für mehrere Tage.

Membion ist buchstäblich als Garagenfirma gestartet
Sitz von Membion ist bis heute ein altes Haus in Roetgen mit einer kleinen Halle, das früher eine Weberei war. Heute ist es Vossenkauls Lieblingsplatz auf dem Planeten. Eine Oase, die er „Burg Sonnenschein“ nennt, die Keimzelle des Betriebs. Hier entstand Membion buchstäblich als Garagenfirma. Produziert wird bald an einem neuen erweiterten Standort nahe Aachen, die bisher dafür genutzte Halle in Monschau-Imgenbroich bleibt für Forschung und Entwicklung erhalten. Vossenkauls Faible fürs Handwerkliche sieht man dem Haus an, das seine Spuren trägt. Auffällig ist vor allem das „Flaschenfenster“ – ein mit teils auf dem Kopf stehenden Flaschen ausgemauertes Fenstergewölbe. Inspiriert dazu hat Vossenkaul eine Begegnung am 19. April 1993. Auf einer mehrmonatigen Weltreise traf Vossenkaul beim Trampen in Neuseeland auf einen „Mann mit Rauschebart“, der ihn im Auto mitnahm. Dieser entpuppte sich als der österreichische Künstler Friedensreich Hundertwasser, mit dem Vossenkaul einen ganzen Tag verbrachte und alles darüber in seinem Tagebuch festhielt, das er wie einen großen Schatz aufbewahrt. Wie man sich nach seinem Tod an ihn erinnern soll? „Als jemanden, der sein Leben geliebt und für seine Träume gebrannt hat“, sagt er und lacht.