Mehr als eine Frage von Leben und Tod? Entwirrung nicht-letaler Effekte von Jagd und menschlicher Störung auf ein soziales Säugetier

Stipendiatin/Stipendiat: Friederike Zenth

Menschliche Einflüsse, von der aktiven Tötung bis hin zur Störung durch Freizeitaktivitäten in der Natur, sind weithin als Bedrohung für Wildtiere anerkannt. Insbesondere die Jagd gilt in Deutschland und weltweit als einer der umstrittensten Aspekte. Während ein Teil der Öffentlichkeit der Jagd eher kritisch gegenübersteht, oft basierend auf mutualistischen Wertorientierungen gegenüber Wildtieren, betonen Jäger die Tradition ihrer Tätigkeit, proklamieren deren Nachhaltigkeit oder Notwendigkeit für das Wildtiermanagement und verweisen auf Outdoor-Freizeitgestalter als Hauptverursacher von Störungen. Auf der anderen Seite sind Naturschützer nicht nur über die durch die Jagd verursachten Todesfälle besorgt, sondern zunehmend auch über die verschiedenen nicht-letalen Auswirkungen der Jagd auf das Verhalten von Wildtieren. Die Forschung zu den nicht-letalen Auswirkungen der Jagd steckt jedoch noch in den Kinderschuhen, und der Debatte fehlt weitgehend eine objektive wissenschaftliche Grundlage. Dieses Promotionsprojekt hat zum Ziel, diese Lücke zu schließen, indem es die nicht-letalen Auswirkungen der Jagd auf drei wichtige Verhaltenskomponenten eines sozialen Säugetiers untersucht: Soziale Strukturierung, Zeitbudgets und Anfälligkeit für menschliche Störungen. Das Alpenmurmeltier Marmota marmota wird als Studienart verwendet: Zunächst wird die soziale Strukturierung mit Hilfe der Sozialen Netzwerkanalyse als fortschrittliche Methode zur Erforschung von Sozialität untersucht. Die Auswirkungen der Jagd werden in einem Vergleich zwischen einer bejagten und einer nicht bejagten Population bewertet, ergänzt durch einen experimentellen Ansatz, der Jagdereignisse als natürliche Experimente nutzt, um Mechanismen und Dynamik von jagdbedingten Effekten auf soziale Strukturen zu untersuchen. Zweitens werden Zeitbudgets von Murmeltieren mit Hilfe von Kamerafallen erforscht, um zu untersuchen, wie die tägliche Aktivität durch den Jagddruck verändert wird. Schließlich wird der Zusammenhang zwischen der Jagd und der Anfälligkeit für menschliche Störungen mit Hilfe standardisierter Störungstests untersucht. Dieses Projekt wird die Debatte um die Jagd informieren, indem es ein tieferes Verständnis für die Diversität und die Folgen nicht-letaler Auswirkungen der Jagd liefert. Darüber hinaus kann die Identifizierung von Mechanismen, durch die jagdbedingte Effekte vermittelt werden, möglicherweise Managemententscheidungen beeinflussen und den Naturschutz unterstützen. Nicht zuletzt ist die Annäherung an die Rolle der Jagd als ultimative Ursache dafür, warum der Mensch als Bedrohung für Wildtiere wahrgenommen wird, von hoher gesellschaftspolitischer Relevanz aufgrund ihrer Auswirkungen auf weitreichende Konflikte in unserer Gesellschaft zwischen Naturerholung, Freizeitjagd und Naturschutz.

Förderzeitraum:
01.07.2021 - 30.06.2024

Institut:
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Fakultät für Umwelt und Natürliche Ressourcen
Lehrstuhl für Wildtierökologie und Wildtiermanagement

Betreuer:
Prof. Dr. Ilse Storch

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