Fledermäuse als Indikatoren für naturnahe Waldstrukturen - Aktivitäts- und Diversitätsanalysen in Natur- und Nutzwäldern der Belovezhskaya Pushcha (Weißrussland)

Stipendiatin/Stipendiat: Maude Erasmy

Die Mehrheit aller in Europa lebender Fledermäuse ist an den Wald als Reproduktionsstätte, als Jagdhabitat, als Quartierstandort oder als Überwinterungsort gebunden. In Wäldern jagende Fledermäuse ernähren sich von hier vorkommenden Arthropoden, die sie mehrheitlich mittels Ultraschallortung lokalisieren. Neben der Jagd findet die Orientierung im Lebensraum ebenfalls über Ultraschall statt. Abhängig von den sinnesphysiologischen Eigenschaften einer Art, und damit einhergehend ihrer morphologischen Anpassung an ein bestimmtes Mikrohabitat nutzen verschiedene Fledermausarten den Lebensraum Wald auf unterschiedliche Art und Weise.

Naturnahe Wälder kennzeichnen durch eine hohe vertikale Strukturheterogenität, und das horizontale Nebeneinander verschiedener Waldentwicklungsphasen. In Nutzwäldern ist die natürlich Dynamik dahingehend gestört, dass die Alters- und Zerfallsphase weitestgehend fehlen. Zur ökologische Bewertung der Naturnähe eines Waldes haben sich Naturnähe-Indikatoren bewährt (z.B. Dreizehenspecht, Weißrückenspecht). Viele dieser Organismengruppen sind durch ihre Lebensweise an bestimmte chemische und strukturelle Eigenschaften von Totholz angewiesen. Über das räumliche Nebeneinander verschiedener Waldentwicklungsphasen und den komplexen mehrschichtigen Aufbau der Baumschicht kann mithilfe der bisher bekannten Indikatoren keine Aussagen getroffen werden. Unsere Untersuchung versucht, diese Bewertungslücke durch Fledermäuse als Naturnähe-Indikatoren zu schließen. Als ungestörte Vergleichsflächen zur Untersuchung der Fledermausdiversität und -aktivität eignen sich alte Wälder, die eben diese Strukturen noch großflächig aufweisen. Vor allem in Osteuropa sind ausgedehnte Naturwälder erhalten. Unter ihnen befindet sich die hier untersuchte „Belovezhskaya Pushcha“, die sich über die Grenzregion zwischen Polen und Weißrussland hinaus erstreckt.

Zwei naturnahe Waldtypen (Eichen-dominiert und Kiefer-dominiert) und ein Wirtschaftswald (Kiefernmonokultur) wurden in zwei Feldsaisons hinsichtlich der Nutzung durch Waldfledermäuse akustisch mithilfe sogenannter „batcorder“ untersucht. Die Dreidimensionalität des Lebensraumes wurde in der Untersuchungsmethodik zum einen durch Plots in Kronenlücken, sowie durch das Aufhängen der „batcorder“ in drei Höhen gespiegelt. Neben der akustischen Erhebungen fanden Strukturuntersuchungen des Waldes an den „batcorder“-Standorten statt. Mithilfe der gewonnenen Daten werden Fledermausarten und -Artengemeinschaften identifiziert, die sich durch eine besondere Bindung an die Strukturen alter und naturnaher Wälder auszeichnen. Diese Arten können dann als Zeiger-Arten im Zuge einer ökologischen Bewertung von Waldbeständen herangezogen werden. Weiterhin ergibt sich die Möglichkeit, mithilfe der gewonnenen Erkenntnisse gezielt naturnahe Strukturen in Wirtschaftswäldern zu schaffen.

Die Erkenntnisse dieser Studie dürften von erheblichem Wert für einen auf Prozessschutz zielenden Waldnaturschutz sein, indem nicht nur der Totholzreichtum, sondern auch die Strukturvielfalt als Parameter der Bewertung herangezogen.

 

Förderzeitraum:
01.08.2014 - 31.05.2021

Institut:
Georg-August-Universität Göttingen
Albrecht-von-Haller-Institut f. Pflanzenwissenschaften
Abteilung Pfanzenökologie und Ökosystemforschung

Betreuer:
Prof. Dr. Christoph Leuschner

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Publikationen: