Beispielhafte Flächenputz- und Mauerwerkskonservierung der umweltgeschädigten romanischen Kirche St. Wenzel in Halle-Radewell unter Wiederaufnahme historischer Handwerkstechniken (Sachsen-Anhalt)

Aktenzeichen 19973/01
Zusammenfassung / Abstract: Dateigröße: 0.11 MB | Zuletzt geändert: 11.08.2009
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Projektträger: Ev. Kirchengemeinde Radewell
Regensburger Str. 111
06132 Halle
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Telefon: 0345/7758254
Internet: -
Bundesland: Sachsen-Anhalt
Beschreibung:
Zielsetzung und Anlass des Vorhabens

Die Dorfkirche Radewell zeigt sich als ein in höchstem Maße umweltgeschädigtes Objekt. Dafür verantwortlich scheinen zum einen die bis Anfang der 1990-er Jahre vorherrschende erhebliche Luftverschmutzung der Region und die damit verbundene Schadstoffimmission in das aufgrund jahrzehntelan-ger Vernachlässigung ungeschützte (putzdefekte) Sandsteinmauerwerk. Eine weitere Beeinträchtigung des Kirchengebäudes wurde in langzeiteinwirkenden Setzungserscheinungen des Baugrundes und damit verbundenen Gefügestörungen des Mauerwerkes vermutet. Ziel war, durch ökologische und im Aussterben begriffene traditionelle Verfahren und Techniken des Bauens die Außenhülle des Kirchengebäudes zu sichern, zu konservieren und wieder herzustellen. Dabei sollten historisch befundete, als überaus dauerhaft bewertete trocken gelöschte Sandkalkmörtel nachgestellt werden. Ihre Applikation und Modifikation sollte sich dabei durch eine sehr einfache, reine Kalkmörtelrezeptur auszeichnen, die minimale Quantitäten an verschiedenen Zuschlagsstoffen und Bindmitteln sowie keine Zusätze enthält.


Darstellung der Arbeitsschritte und der angewandten MethodenDas Kirchengebäude wurde durch Voruntersuchungen detailliert erfasst. In Auswertung der Untersuchungsergebnisse wurden in Zusammenarbeit aller Kooperationspartner Verfahren und Materialien zur Umsetzung der o. g. Zielsetzungen festgelegt und entsprechend ausgeführt. Folgender Ablauf: Materialuntersuchungen Stein, Putz, Mörtel; Salzanalysen; Feuchtemessungen, Restauratorische Auswertung und Dokumentation; Rissmessungen in Abhängigkeit von Wetterverhältnissen und Baugrund, Bau-grunduntersuchung am Turm; empirische Herstellung von trockengelöschten Handmischungen und entsprechenden Putzprobeachsen und Rückstellproben; Beurteilung des Abbindeverhaltens und der Materialeigenschaften, Vergleich mit eingelagerten Rückstellproben; Festlegung des Vorzugsmörtels; Rissverpressung; Ausführung des Flächenputzes bei gleichzeitiger Konservierung des historischen Mauerwerks;
Durchführung begleitender notwendiger und vorbereitender Maßnahmen (Gerüststellungen, Mauerwerkssicherung und -ergänzung, Fenster etc.)


Ergebnisse und Diskussion

Zu Beginn wurden notwendige Voruntersuchungen an der vorhandenen Bausubstanz der Bauhülle durchgeführt (siehe Punkt 3.1), um mit Hilfe der gewonnenen Ergebnisse die gewünschten Versuchsrezepturen (sowohl in Handarbeit vor Ort trocken gelöschte Sandkalkmörtel als auch zum Vergleich gängige Sandkalkmischungen mit Kalkhydrat sowie Zusatz von Weißzement), Probeflächen an der Südfassade des Kirchenschiffes und die entsprechenden Rückstell(langzeit)proben herstellen zu können (siehe Punkt 3.2).
Nach Auswertung der Untersuchungsergebnisse wurde festgestellt, dass der in Resten vorhandene jüngste Flächenputz von Turm und Schiff für eine Konservierung nicht in Frage kommen kann (siehe Punkt 3.1.3). Die Putzfragmente mussten abgenommen werden.
Die im Spätsommer 2002 hergestellten verschiedenen Probeflächen wurden nach einer mehrmonatigen Standzeit über die Wintermonate anschließend auf ihre technologischen Eigenschaften hin naturwissenschaftlich (siehe Punkt 3.3) und augenscheinlich überprüft und daraufhin in gemeinsamer Abstimmung aller Beteiligten aufgrund der festgestellten zufriedenstellenden Eigenschaften eine trocken gelöschte Sandkalkmischung mit geringem Pigmentzuschlag aber ohne Zusätze als Vorzugsrezeptur für den Flä-chenputzmörtel festgelegt.
Der geplanten eigenverantwortlichen Trockenlöschung des Branntkalkes vor Ort und Applikation des eingestellten trocken gelöschten Sandkalkmörtels stand damit nichts mehr im Wege.
Im Sinne des Projektes, historische Handwerkstechniken wieder aufzunehmen, folgte im Frühjahr 2003 im Vorfeld des Fassadenputzes eine umfassende Fassadenreinigung rein konventioneller bzw. traditioneller Art mit ausschließlich mechanischen Hilfsmitteln. Während der Fassadenreinigung wurden bereits Mauerwerksbereiche im Gefüge gesichert und ergänzt sowie bei Notwendigkeit in der Oberfläche gefestigt. Reinigung und vorbereitende Sicherung zeigten einen hohen Zeitaufwand, da eine sensible und differenzierte Herangehensweise ausdrücklich im Vordergrund stand.
Darüber hinaus wurden vor der Ausführung des Flächenputzes in Frage kommende Arbeitsgänge empirisch geschult und mögliche Putzoberflächen als Musterflächen appliziert.
Der hergestellte Flächenputz entspricht derzeit den Erwartungen der am Bau Beteiligten. Die in den Voruntersuchungen festgestellten Eigenschaften des verwendeten traditionellen Materials geben Hoffnung auf eine entsprechende Dauerhaftigkeit. Es wird eingeschätzt, dass die verwendeten Mörtelrezepturen geeignet erscheinen für restauratorische und konservatorische Flächenputz- und Fugarbeiten.


Öffentlichkeitsarbeit und Präsentation

Das DBU-Vorhaben wurde unter Beteiligung einer möglichst großen Zahl von hiesigen Handwerkern bzw. interessierten Restauratoren durchgeführt. Während der gesamten Bauzeit fand ein reger Erfahrungsaustausch zwischen den am Bau Beteiligten und interessierten Fachleuten aber auch Laien statt.
Das Kalktrockenlöschen wurde beispielhaft nach historischem Vorbild durchgeführt. Die interessierte Öffentlichkeit war während der Baumaßnahmen ausdrücklich erwünscht und nicht, wie am Bau üblich, ausgeschlossen.


Fazit

Das durchgeführte DBU-Projekt konnte modellhaft die Mauerwerkskonservierung und Flächenputznachstellung mit einem reinen trockengelöschten Sandkalkmörtel ohne Zusätze sicherstellen. Dabei wurden physikomechanische und hygrische Eigenschaften befundeter historischer Putzmörtel erfolgreich nachgestellt. Besonderer Stellenwert kam der eigenständigen Entwicklung und Prüfung dieser Sandkalkmörtel zu. Dies gelang durch eine empirische Arbeitsweise nicht nur der ausführenden Handwerker sondern aller am Bau Beteiligten. Der experimentelle Charakter des Projektes war maßgeblich für die erfolgreiche Ein-beziehung und Fortführung der am Kloster Heydau gewonnenen Erkenntnisse.
Kenntnisstand und Umgang mit trockengelöschten traditionellen Sandkalkmörteln konnten weiter vertieft werden. Gleichzeitig wurde eines der ältesten Baudenkmäler Halles vor dem entgültigen Verfall bewahrt.

Förderzeitraum: 01.08.2002 - 01.08.2003 (1 Jahr)
Fördersumme: 60.337,00
Förderbereich: III.12.2
Themengebiet: Kulturgüterschutz
Stichworte: Kulturgüter
Publikationen:
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