Modellhafte Entwicklung zerstörungsfreier Untersuchungsroutinen und verbesserter Konservierungskonzepte für die national bedeutsamen und umweltgeschädigten Wandmalereien der Renaissancekapelle auf der Burg Grafenstein (Tschechien)

Aktenzeichen 18049/01
Abschlussbericht:
Projektträger: Fachhochschule PotsdamStudiengang Restaurierung
Pappelallee 8 - 9
14469 Potsdam
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Telefon: 0331/5801219
Internet: -
Bundesland: Grenzüberschreitend
Beschreibung:
Zielsetzung und Anlass des Vorhabens

Burg Grabstejn: Gründung im 14.Jhdt., um 1569 Dekoration der gotischen Burgkapelle (Barbarakapelle, 1 Schiff, 4 Joche, Emporen) mit vollflächigen Wand- und Gewölbemalereien (Passionsszenen, Aposteldarstellungen, Arabesken usw.); einer der wertvollsten Renaissanceräume in Böhmen. Mehrere vergangene Restaurierungen mit Übermalungen und filmbildenden, vollflächigen Kunstharzüberzügen gefährden den Bestand. Ziel des Projektes: Entwicklung geeigneter Technologien zur Entfernung von Kunstharzüberzügen auf Wandmalereien und zerstörungsfreie Diagnose mittels IR-Reflektografie.


Darstellung der Arbeitsschritte und der angewandten MethodenFotografische Bestandsaufnahme: Analog- und Digitalfotografie der gesamten Raumausmalung, CAD-Modell (Programm ARCHI-CAD) und Bildplanerzeugung
Restauratorische Bestandsaufnahme: Bestands- und Schadenskartierung, Untersuchung der Übermalungen mittels Infrarotreflektografie
Objektuntersuchung: Materialkundliche und feuchtetechnische Bestandserfassung; chemisch-technologische Untersuchung des Putz- und Malereibestandes; bauchemische und feuchtetechnische Untersuchung des Mauerwerks; Messung des Innen-, Außen- und Nahfeldklimas
Laboruntersuchung: Prüfkörperherstellung und -beschichtung für Vorversuche zur Acrylatentfernung; künstliche Alterung Prüfkörper; Rezepturentwicklung zur Acrylatentfernung an Prüfkörpern
Musterflächen: Erprobung Rezepturentwicklung Acrylatausdünnung, Objektanpassung RezepturTeilkonservierung: Exemplarische Umsetzung Maßnahmekonzept
Naturwissenschaftliche Begleituntersuchungen Teilkonservierung: analytische Bewertung der Teilmaßnahmen Acrylatentfernung und Kompressenentsalzung (w-Wert-Messungen, Licht- und Elektronenmikroskopie, Salztiefenprofile uam.)
Maßnahmedokumentation: Maßnahmekartierung und -beschreibung, Konservierungsempfehlungen


Ergebnisse und Diskussion

Zustand Wandmalerei und Träger
Ausgehend von einer Gesamtmalereifläche von 480 m 2 und detaillierter Schadenskartierung ergeben sich folgende Schadbildanteile:
Schadbild Flächenanteil [%] Fläche absolut [m 2]
§ Konstruktionsbedingte Risse 0,2 1
§ Putzrisse 0,5 2,5
§ Ablösung und Hohlraumbildung 0,4 2
§ Fehlstellen bis auf den Träger 2 10
§ Putzergänzungen 1 5
§ Salzschäden 1 5
§ Mechanische Schäden 2 10
§ Farbveränderungen 12 60
§ Übermalung 42 210
§ Fixierung (Kunstharzüberzug) 100 480
Flächenmäßig wichtigste Schäden sind: Farbveränderungen durch Pigment- und Bindemittelumwandlun-gen sowie Bleiweißverschwärzung; großflächige Übermalungen vmtl. ausgeführt 1909 ff; vollflächiger Kunstharzüberzug (Produkt Acrylatdispersion SOKRAT 2802A, Ausführung 1994), starke Sulfatisie-rung. Einzige erdberührte Außenwand der Kapelle mit Malereien unter hoher Salzbelastung (Sulfate, Nitrate, Chloride in Konzentrationsklasse 4 [Skala 1 bis 5].
Ausdünnung der Kunstharzüberzüge, Entsalzung, Infrarotuntersuchungen
Vorversuche: Nach Herstellung geeigneter, Objektzustände nachstellender Prüfkörper für Laborversuche (kalkmörtelbeschichtete Keramikfliesen), deren farbiger Fassung in unterschiedlichen historischen Bindemittelsystemen (Eigelb, Tempera, Hautleim, Kalkmilch, Kalkkasein, emulgiertes Kalkkasein), in wiederum unterschiedlicher Pigmentierung und teilweiser Unterbindung der Pigmente (Simulation ´pudernder´ Malschichten) wurden die soweit präparierten Prüfkörper mit unterschiedlichen Festigungsmitteln überzogen: Sokrat 2802A, Lakrat 2802A, Primal AC33, Paraloid B72. Damit wurden objektvergleichbare wie auch durch die Verwendung weiterer, nicht Grabstejn spezifischer Kunstharze mögliche Vorzustände historischer Malereioberflächen simuliert; Prüfkörper abschließend künstlich gealtert. In weiteren Labortestreihen Versuche zur Entfernung der Kunstharzüberzüge: 1. Ermittlung Lösemittelgemische (Siedegrenzbenzin/Toloul; Toloul/Ethanol; Toluol/Aceton; Aceton/Ethanol; Siedegrenzbenzin/ Ethylacetat; Ethanol/Wasser und Butylacetat) 2. Ermittlung Lösemittelstärke (Konzentration) 3. Ermittlung Einwirkdauer und Aufbringungsform. Objektmusterflächen: Acrylatentfernung: Das im Ergebnis der Vorversuche geeignetste Lösemittelgemisch zur Ausdünnung des Sokratüberzuges wurde an Objektmusterflächen erprobt und abschließend modifiziert: für instabile Malereibereiche zeigte sich eine Mi-schung aus Xylol/Ethylmethylketon 25/75 Vol.-% als Favorit, für intensiv sokratgefestigte Bereiche eine Mischung aus Xylol/ Ethylmethylketon/ Diacetonalkohol 24/75/1 Vol-%, Applikation als niedrigviskoses Lösemittelgel unter Verwendung von Klucel M als gelbildenede Komponente, alternativ Ethylcellulose ET 200. Entsalzung des Malschichtträgers: Auf Grund der hohen Salzbelastung der malereitragenden, erdberührten Außenwände wurden Versuche zur Entsalzung der Mauerwerksoberflächen im Kompres-senverfahren durchgeführt. Die erfolgreichen Entsalzungsversuche führten zu einer analytisch nachge-wiesenen Reduzierung des Salzgehaltes um 50%. IR-Untersuchung: Es konnte gezeigt werden, daß die Infrarotreflektographie ein Durchdringen der Übermalung bzw. teilweise sogar der übermalten Originalmalschicht ermöglichte; in Teilbereichen konnte die Unterzeichnung lokalisiert werden, wie auch die Methode der Übertragung der Unterzeichnung durch Lochpause ermittelt wurde.
Teilkonservierung: Hinterspritzen der Putzhohlstellen, Entnahme der nachträglichen flächigen Einput-zung, Kittung der Fehlstellen, Niederlegung aufstehender Malschichten, trockene und wässrige Oberflächenreinigung, Abnahme der Übermalungen via Lösemittelgel, wässrige Nachreinigung, Strichretusche im Fehlstellenbereich und flächige Retusche im rekonstruierten Bereich.


Öffentlichkeitsarbeit und Präsentation

W. Koch: Die Barbarakapelle der Burg Grabstejn - Ein Modellprojekt der Deutschen Bundesstiftung Umwelt zur Konservierung wertvoller Renaissancemalereien; Festschrift zum 10jährigen Jubiläum des Studienganges Restaurierung der FH Potsdam; in Druck.


Fazit

Gewinnung neuartiger, durch Untersuchungsumfang sehr differenzierter, modellhaft auch auf andere Wandmalereiobjekte übertragbarer Ergebnisse zur Erhaltung kunstharzfehlkonservierter Wandmalereien bei gleichzeitigem Wissenstransfer der Ergebnisse in die tschechische Restaurierungspraxis. Zur weiteren Entwicklung des Untersuchungsverfahrens IR-Reflektografie sind weitere, systematische Laborerprobungen an definiert unterschiedlich beschichteten Prüfkörpern wünschenswert.

Förderzeitraum: 12.10.2000 - 28.02.2005 (4 Jahre und 5 Monate)
Fördersumme: 99.958,59
Förderbereich: III.12.5
Stichworte: Gebäude, Putz, Kirche
Publikationen: