{"id":52346,"date":"2026-02-28T10:46:20","date_gmt":"2026-02-28T09:46:20","guid":{"rendered":"https:\/\/www.dbu.de\/promotionsstipendium\/20018-571\/"},"modified":"2026-02-28T10:46:21","modified_gmt":"2026-02-28T09:46:21","slug":"20018-571","status":"publish","type":"promotionsstipendium","link":"https:\/\/www.dbu.de\/en\/promotionsstipendium\/20018-571\/","title":{"rendered":"Die Honigbiene als Wildtier: Status und Populationsdynamik wild lebender Honigbienenv\u00f6lker (Apis\u00a0mellifera\u00a0L.) in Mitteleuropa"},"content":{"rendered":"<p>Populationsstatus wild lebender Honigbienen (Apis mellifera L.) in Mitteleuropa<\/p>\n<p>Die Honigbiene (<em>Apis mellifera<\/em>) ist als Nutztier weitbekannt, doch als Wildtier vernachl\u00e4ssigt.\u00a0Seit etwa 1850 sind ihre Populationen in Mitteleuropa durch Introgression und moderate k\u00fcnstliche Selektion vom Menschen beeinflusst. Die Art wurde jedoch aufgrund fehlender Paarungskontolle nie wirklich domestiziert. Fr\u00fcher wurde der R\u00fcckgang wildlebender Honigbienen dem\u00a0Verlust geeigneter Nistpl\u00e4tze zugeschrieben. Heute wird meist die Bienenmilbe <em>Varroa destructor<\/em> als Hauptursache angenommen. Es gibt allerdings keine Langzeitdaten, welche diese Annahmen st\u00fctzen k\u00f6nnten. Basierend auf der Erkenntnis, dass eingef\u00fchrte Honigbienen in Nordamerika stabile wilde Populationen bilden, und aufgrund von Berichten \u00fcber das Vorkommen wildlebender Bienenv\u00f6lker in verschiedenen L\u00e4ndern Europas, widmeten wir uns dem systematischen\u00a0Studium wildlebender Honigbienen in Deutschland. Zun\u00e4chst untersuchten wir, ob waldbewohnende Bienenv\u00f6lker eine selbsterhaltende Population bilden. Zweitens stellten wir die Frage, inwiefern sich wildlebende und imkerlich gehaltene V\u00f6lker in ihrer Parasitenlast unterscheiden.\u00a0Drittens testeten wir, ob Winterverluste wildlebender Bienenv\u00f6lker mit Parasitendruck, Nestpr\u00e4dation oder mangelndem Nahrungsangebot auf Landschaftsebene in Verbindung stehen.\u00a0<\/p>\n<p>In Wirtschaftsw\u00e4ldern dreier Untersuchungsgebiete (Schw\u00e4bische Alb, Landkreise Coburg und\u00a0Lichtenfels, Landkreis Weilheim-Schongau) kontrollierten wir zwischen 2017 und 2021 bekannte\u00a0H\u00f6hlenb\u00e4ume des Schwarzspechts auf Besiedlung durch Honigbienen. Das \u00dcberleben einzelner\u00a0Bienenv\u00f6lker wurde zus\u00e4tzlich mittels Analyse von Mikrosatelliten DNA \u00fcberpr\u00fcft. Nach verl\u00e4sslichem Muster besiedelten Honigbienen jeden Sommer etwa 10% der Baumh\u00f6hlen. Die j\u00e4hrliche \u00dcberlebensrate und die Lebenserwartung der V\u00f6lker (N=112) betrugen 10,6% und 0,6 Jahre,\u00a0wobei 90% den Sommer (Juli\u2013September), 16% den Winter (September\u2013April) und 72% das\u00a0Fr\u00fchjahr (April\u2013Juli) \u00fcberlebten. Die durchschnittliche maximale (Juli) und minimale (April) Koloniedichte betrug 0,23 bzw. 0,02 Bienenv\u00f6lker pro km2. W\u00e4hrend der (Wieder)Besiedlung von\u00a0W\u00e4ldern im Fr\u00fchjahr bevorzugten Bienenschw\u00e4rme solche Baumh\u00f6hlen, welche zuvor schon von\u00a0Bienen besiedelt worden waren. Die Nettoreproduktionsrate der wildlebenden Population wird\u00a0auf  0= 0,318 gesch\u00e4tzt, was bedeutet, dass diese zurzeit nicht selbsterhaltend ist, sondern durch\u00a0die j\u00e4hrliche Einwanderung von Bienenschw\u00e4rmen aus der Imkerei aufrechterhalten wird.\u00a0<\/p>\n<p>Wir untersuchten wildlebende (N=64) und imkerlich gehaltene Bienenv\u00f6lker (N=74) auf den Befall mit 18 verschiedenen Mikroparasiten mittels qPCR. Die Proben stammten aus den drei oben\u00a0genannten Gebieten sowie aus dem Stadtgebiet von M\u00fcnchen. Eine Probe bestand aus 20 Arbeiterinnen, welche am Flugloch gefangen wurden. Wir unterschieden f\u00fcnf Kolonietypen aufgrund\u00a0des Alters (j\u00fcnger oder \u00e4lter als ein Jahr) und der unmittelbaren Geschichte der Bewirtschaftung\u00a0durch Imkerinnen und Imker. Abgesehen von regionalen Unterschieden in der Parasitenlast waren\u00a0wildlebende V\u00f6lker mit einer geringeren Anzahl Parasitentaxa befallen (Median: 5, Spanne: 1\u20138)\u00a0als imkerlich gehaltene V\u00f6lker (Median: 6, Spanne: 4\u20139) und wiesen eine ver\u00e4nderte Zusammensetzung von Parasiten auf. Seltener bei wildlebenden Bienenv\u00f6lkern waren besonders Trypanosomatidae, das Chronische-Paralysevirus, sowie die Fl\u00fcgeldeformationsviren A und B. Im Vergleich der f\u00fcnf Kolonietypen war die Parasitenlast bei neu gegr\u00fcndeten wildlebenden V\u00f6lkern am\u00a0geringsten, intermedi\u00e4r bei \u00fcberwinterten wildlebenden V\u00f6lkern und Brutablegern, und am\u00a0h\u00f6chsten bei \u00fcberwinterten Wirtschaftsv\u00f6lkern und bei durch Schw\u00e4rme gegr\u00fcndeten imkerlich\u00a0gehaltenen V\u00f6lkern. Dies deutet darauf hin, dass das Schw\u00e4rmen (Entstehung von Brutpausen)\u00a0sowie die gr\u00f6\u00dfere Distanz zwischen Nestern (Verminderung der horizontalen Krankheits\u00fcbertragung) die geringere Parasitenlast wildlebender Bienenv\u00f6lker erkl\u00e4ren.\u00a0<\/p>\n<p>Wir kombinierten Beobachtungen zum Winter\u00fcberleben aus dem Monitoring mit Daten zur Parasitenlast, mit Beobachtungen und Experimenten zur Nestpr\u00e4dation und mit Landschaftsanalysen. Es ergab sich kein Hinweis auf einen Zusammenhang zwischen Parasitenlast im Sommer und\u00a0anschlie\u00dfendem \u00dcberwinterungserfolg: V\u00f6lker, welche den Winter nicht \u00fcberlebten (N=57), hatten zuvor keine h\u00f6here Parasitenlast als solche, welche den Winter \u00fcberlebten (N=10). Kamerafallen (N=15) offenbarten, dass Honigbienennester im Winter von einer Vielzahl von V\u00f6geln und\u00a0S\u00e4ugern mit bis zu 10 Besuchen pro Woche heimgesucht werden. Vier Spechtarten, Kohlmeisen\u00a0und Baummarder wurden als echte Nestpl\u00fcnderer identifiziert. Bienenv\u00f6lker, deren Nesteingang\u00a0mit Maschendraht gesch\u00fctzt war (N=32), hatten eine 50% h\u00f6here Winter\u00fcberlebensrate als V\u00f6lker ohne Schutz (N=40). Die Analyse von Landnutzungskarten zeigte, dass sich Bienenv\u00f6lker,\u00a0welche den Winter \u00fcberlebten (N=19), in Landschaften mit durchschnittlich 6,4% h\u00f6herem Anteil\u00a0von Ackerfl\u00e4chen befanden als solche, die den Winter nicht \u00fcberlebten (N=94).\u00a0<\/p>\n<p>Wir sch\u00e4tzen, dass in Deutschland j\u00e4hrlich zehntausende Schw\u00e4rme von Bienenst\u00e4nden entflie-hen, um sich in Spechth\u00f6hlen oder anderen Hohlr\u00e4umen anzusiedeln. Der Anteil wildlebender\u00a0V\u00f6lker an der Gesamtbienenpopulation betr\u00e4gt im Sommer etwa 5%. Sie spielen vermutlich eine\u00a0untergeordnete Rolle bei der Verbreitung von Bienenkrankheiten. Durch die Erg\u00e4nzung imkerlich\u00a0gehaltener V\u00f6lker in Waldgebieten tragen sie zur Best\u00e4ubung waldbewohnender Pflanzenarten\u00a0bei. Die Besiedlung von Baumh\u00f6hlen sollte vielseitige Auswirkungen auf Lebensgemeinschaften\u00a0im Wald haben: Bienenv\u00f6lker konkurrieren um Nistpl\u00e4tze, sind reiche Beute im Winter und akkumulieren organisches Material. Nestpr\u00e4dation (eine Folge des Mangels an sicheren Nisth\u00f6hlen)\u00a0und Ressourcenlimitierung spielen offenbar derzeit eine gr\u00f6\u00dfere Rolle als Parasiten bei der Erkl\u00e4rung von Winterverlusten. Eine offene Frage ist, inwiefern Umwelt und genetische Dispositionen die Etablierung wilder Honigbienenpopulationen verhindern. K\u00fcnstliche Nistk\u00e4sten k\u00f6nnten\u00a0genutzt werden, um die Rolle von Umweltfaktoren genauer zu untersuchen. Populationen wilder\u00a0Honigbienen au\u00dferhalb Europas k\u00f6nnten Erkenntnisse dazu liefern, inwiefern sich die moderne\u00a0Imkerei auf die Anpassungen der Honigbienen als Wildtier auswirkt. In Europa k\u00f6nnten gro\u00dfe\u00a0zusammenh\u00e4ngende Waldgebiete als evolution\u00e4re Refugien f\u00fcr wilde Honigbienen dienen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Populationsstatus wild lebender Honigbienen (Apis mellifera L.) in Mitteleuropa Die Honigbiene (Apis mellifera) ist als Nutztier weitbekannt, doch als Wildtier vernachl\u00e4ssigt.\u00a0Seit etwa 1850 sind ihre Populationen in Mitteleuropa durch Introgression und moderate k\u00fcnstliche Selektion vom Menschen beeinflusst. Die Art wurde jedoch aufgrund fehlender Paarungskontolle nie wirklich domestiziert. 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