{"id":52346,"date":"2026-10-23T12:48:25","date_gmt":"2026-10-23T10:48:25","guid":{"rendered":"https:\/\/www.dbu.de\/promotionsstipendium\/20018-571\/"},"modified":"2026-10-23T12:48:26","modified_gmt":"2026-10-23T10:48:26","slug":"20018-571","status":"publish","type":"promotionsstipendium","link":"https:\/\/www.dbu.de\/en\/promotionsstipendium\/20018-571\/","title":{"rendered":"Die Honigbiene als Wildtier: Status und Populationsdynamik wild lebender Honigbienenv\u00c3\u00b6lker (Apis\u00c2\u00a0mellifera\u00c2\u00a0L.) in Mitteleuropa"},"content":{"rendered":"<p>Populationsstatus wild lebender Honigbienen (Apis mellifera L.) in Mitteleuropa<\/p>\n<p>Die Honigbiene (<em>Apis mellifera<\/em>) ist als Nutztier weitbekannt, doch als Wildtier vernachl\u00c3\u00a4ssigt.\u00c2\u00a0Seit etwa 1850 sind ihre Populationen in Mitteleuropa durch Introgression und moderate k\u00c3\u00bcnstliche Selektion vom Menschen beeinflusst. Die Art wurde jedoch aufgrund fehlender Paarungskontolle nie wirklich domestiziert. Fr\u00c3\u00bcher wurde der R\u00c3\u00bcckgang wildlebender Honigbienen dem\u00c2\u00a0Verlust geeigneter Nistpl\u00c3\u00a4tze zugeschrieben. Heute wird meist die Bienenmilbe <em>Varroa destructor<\/em> als Hauptursache angenommen. Es gibt allerdings keine Langzeitdaten, welche diese Annahmen st\u00c3\u00bctzen k\u00c3\u00b6nnten. Basierend auf der Erkenntnis, dass eingef\u00c3\u00bchrte Honigbienen in Nordamerika stabile wilde Populationen bilden, und aufgrund von Berichten \u00c3\u00bcber das Vorkommen wildlebender Bienenv\u00c3\u00b6lker in verschiedenen L\u00c3\u00a4ndern Europas, widmeten wir uns dem systematischen\u00c2\u00a0Studium wildlebender Honigbienen in Deutschland. Zun\u00c3\u00a4chst untersuchten wir, ob waldbewohnende Bienenv\u00c3\u00b6lker eine selbsterhaltende Population bilden. Zweitens stellten wir die Frage, inwiefern sich wildlebende und imkerlich gehaltene V\u00c3\u00b6lker in ihrer Parasitenlast unterscheiden.\u00c2\u00a0Drittens testeten wir, ob Winterverluste wildlebender Bienenv\u00c3\u00b6lker mit Parasitendruck, Nestpr\u00c3\u00a4dation oder mangelndem Nahrungsangebot auf Landschaftsebene in Verbindung stehen.\u00c2\u00a0<\/p>\n<p>In Wirtschaftsw\u00c3\u00a4ldern dreier Untersuchungsgebiete (Schw\u00c3\u00a4bische Alb, Landkreise Coburg und\u00c2\u00a0Lichtenfels, Landkreis Weilheim-Schongau) kontrollierten wir zwischen 2017 und 2021 bekannte\u00c2\u00a0H\u00c3\u00b6hlenb\u00c3\u00a4ume des Schwarzspechts auf Besiedlung durch Honigbienen. Das \u00c3\u0153berleben einzelner\u00c2\u00a0Bienenv\u00c3\u00b6lker wurde zus\u00c3\u00a4tzlich mittels Analyse von Mikrosatelliten DNA \u00c3\u00bcberpr\u00c3\u00bcft. Nach verl\u00c3\u00a4sslichem Muster besiedelten Honigbienen jeden Sommer etwa 10% der Baumh\u00c3\u00b6hlen. Die j\u00c3\u00a4hrliche \u00c3\u0153berlebensrate und die Lebenserwartung der V\u00c3\u00b6lker (N=112) betrugen 10,6% und 0,6 Jahre,\u00c2\u00a0wobei 90% den Sommer (Juli\u00e2\u20ac\u201cSeptember), 16% den Winter (September\u00e2\u20ac\u201cApril) und 72% das\u00c2\u00a0Fr\u00c3\u00bchjahr (April\u00e2\u20ac\u201cJuli) \u00c3\u00bcberlebten. Die durchschnittliche maximale (Juli) und minimale (April) Koloniedichte betrug 0,23 bzw. 0,02 Bienenv\u00c3\u00b6lker pro km2. W\u00c3\u00a4hrend der (Wieder)Besiedlung von\u00c2\u00a0W\u00c3\u00a4ldern im Fr\u00c3\u00bchjahr bevorzugten Bienenschw\u00c3\u00a4rme solche Baumh\u00c3\u00b6hlen, welche zuvor schon von\u00c2\u00a0Bienen besiedelt worden waren. Die Nettoreproduktionsrate der wildlebenden Population wird\u00c2\u00a0auf \u00f0\u009d\u2018\u20260= 0,318 gesch\u00c3\u00a4tzt, was bedeutet, dass diese zurzeit nicht selbsterhaltend ist, sondern durch\u00c2\u00a0die j\u00c3\u00a4hrliche Einwanderung von Bienenschw\u00c3\u00a4rmen aus der Imkerei aufrechterhalten wird.\u00c2\u00a0<\/p>\n<p>Wir untersuchten wildlebende (N=64) und imkerlich gehaltene Bienenv\u00c3\u00b6lker (N=74) auf den Befall mit 18 verschiedenen Mikroparasiten mittels qPCR. Die Proben stammten aus den drei oben\u00c2\u00a0genannten Gebieten sowie aus dem Stadtgebiet von M\u00c3\u00bcnchen. Eine Probe bestand aus 20 Arbeiterinnen, welche am Flugloch gefangen wurden. Wir unterschieden f\u00c3\u00bcnf Kolonietypen aufgrund\u00c2\u00a0des Alters (j\u00c3\u00bcnger oder \u00c3\u00a4lter als ein Jahr) und der unmittelbaren Geschichte der Bewirtschaftung\u00c2\u00a0durch Imkerinnen und Imker. Abgesehen von regionalen Unterschieden in der Parasitenlast waren\u00c2\u00a0wildlebende V\u00c3\u00b6lker mit einer geringeren Anzahl Parasitentaxa befallen (Median: 5, Spanne: 1\u00e2\u20ac\u201c8)\u00c2\u00a0als imkerlich gehaltene V\u00c3\u00b6lker (Median: 6, Spanne: 4\u00e2\u20ac\u201c9) und wiesen eine ver\u00c3\u00a4nderte Zusammensetzung von Parasiten auf. Seltener bei wildlebenden Bienenv\u00c3\u00b6lkern waren besonders Trypanosomatidae, das Chronische-Paralysevirus, sowie die Fl\u00c3\u00bcgeldeformationsviren A und B. Im Vergleich der f\u00c3\u00bcnf Kolonietypen war die Parasitenlast bei neu gegr\u00c3\u00bcndeten wildlebenden V\u00c3\u00b6lkern am\u00c2\u00a0geringsten, intermedi\u00c3\u00a4r bei \u00c3\u00bcberwinterten wildlebenden V\u00c3\u00b6lkern und Brutablegern, und am\u00c2\u00a0h\u00c3\u00b6chsten bei \u00c3\u00bcberwinterten Wirtschaftsv\u00c3\u00b6lkern und bei durch Schw\u00c3\u00a4rme gegr\u00c3\u00bcndeten imkerlich\u00c2\u00a0gehaltenen V\u00c3\u00b6lkern. Dies deutet darauf hin, dass das Schw\u00c3\u00a4rmen (Entstehung von Brutpausen)\u00c2\u00a0sowie die gr\u00c3\u00b6\u00c3\u0178ere Distanz zwischen Nestern (Verminderung der horizontalen Krankheits\u00c3\u00bcbertragung) die geringere Parasitenlast wildlebender Bienenv\u00c3\u00b6lker erkl\u00c3\u00a4ren.\u00c2\u00a0<\/p>\n<p>Wir kombinierten Beobachtungen zum Winter\u00c3\u00bcberleben aus dem Monitoring mit Daten zur Parasitenlast, mit Beobachtungen und Experimenten zur Nestpr\u00c3\u00a4dation und mit Landschaftsanalysen. Es ergab sich kein Hinweis auf einen Zusammenhang zwischen Parasitenlast im Sommer und\u00c2\u00a0anschlie\u00c3\u0178endem \u00c3\u0153berwinterungserfolg: V\u00c3\u00b6lker, welche den Winter nicht \u00c3\u00bcberlebten (N=57), hatten zuvor keine h\u00c3\u00b6here Parasitenlast als solche, welche den Winter \u00c3\u00bcberlebten (N=10). Kamerafallen (N=15) offenbarten, dass Honigbienennester im Winter von einer Vielzahl von V\u00c3\u00b6geln und\u00c2\u00a0S\u00c3\u00a4ugern mit bis zu 10 Besuchen pro Woche heimgesucht werden. Vier Spechtarten, Kohlmeisen\u00c2\u00a0und Baummarder wurden als echte Nestpl\u00c3\u00bcnderer identifiziert. Bienenv\u00c3\u00b6lker, deren Nesteingang\u00c2\u00a0mit Maschendraht gesch\u00c3\u00bctzt war (N=32), hatten eine 50% h\u00c3\u00b6here Winter\u00c3\u00bcberlebensrate als V\u00c3\u00b6lker ohne Schutz (N=40). Die Analyse von Landnutzungskarten zeigte, dass sich Bienenv\u00c3\u00b6lker,\u00c2\u00a0welche den Winter \u00c3\u00bcberlebten (N=19), in Landschaften mit durchschnittlich 6,4% h\u00c3\u00b6herem Anteil\u00c2\u00a0von Ackerfl\u00c3\u00a4chen befanden als solche, die den Winter nicht \u00c3\u00bcberlebten (N=94).\u00c2\u00a0<\/p>\n<p>Wir sch\u00c3\u00a4tzen, dass in Deutschland j\u00c3\u00a4hrlich zehntausende Schw\u00c3\u00a4rme von Bienenst\u00c3\u00a4nden entflie-hen, um sich in Spechth\u00c3\u00b6hlen oder anderen Hohlr\u00c3\u00a4umen anzusiedeln. Der Anteil wildlebender\u00c2\u00a0V\u00c3\u00b6lker an der Gesamtbienenpopulation betr\u00c3\u00a4gt im Sommer etwa 5%. Sie spielen vermutlich eine\u00c2\u00a0untergeordnete Rolle bei der Verbreitung von Bienenkrankheiten. Durch die Erg\u00c3\u00a4nzung imkerlich\u00c2\u00a0gehaltener V\u00c3\u00b6lker in Waldgebieten tragen sie zur Best\u00c3\u00a4ubung waldbewohnender Pflanzenarten\u00c2\u00a0bei. Die Besiedlung von Baumh\u00c3\u00b6hlen sollte vielseitige Auswirkungen auf Lebensgemeinschaften\u00c2\u00a0im Wald haben: Bienenv\u00c3\u00b6lker konkurrieren um Nistpl\u00c3\u00a4tze, sind reiche Beute im Winter und akkumulieren organisches Material. Nestpr\u00c3\u00a4dation (eine Folge des Mangels an sicheren Nisth\u00c3\u00b6hlen)\u00c2\u00a0und Ressourcenlimitierung spielen offenbar derzeit eine gr\u00c3\u00b6\u00c3\u0178ere Rolle als Parasiten bei der Erkl\u00c3\u00a4rung von Winterverlusten. Eine offene Frage ist, inwiefern Umwelt und genetische Dispositionen die Etablierung wilder Honigbienenpopulationen verhindern. K\u00c3\u00bcnstliche Nistk\u00c3\u00a4sten k\u00c3\u00b6nnten\u00c2\u00a0genutzt werden, um die Rolle von Umweltfaktoren genauer zu untersuchen. Populationen wilder\u00c2\u00a0Honigbienen au\u00c3\u0178erhalb Europas k\u00c3\u00b6nnten Erkenntnisse dazu liefern, inwiefern sich die moderne\u00c2\u00a0Imkerei auf die Anpassungen der Honigbienen als Wildtier auswirkt. In Europa k\u00c3\u00b6nnten gro\u00c3\u0178e\u00c2\u00a0zusammenh\u00c3\u00a4ngende Waldgebiete als evolution\u00c3\u00a4re Refugien f\u00c3\u00bcr wilde Honigbienen dienen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Populationsstatus wild lebender Honigbienen (Apis mellifera L.) in Mitteleuropa Die Honigbiene (Apis mellifera) ist als Nutztier weitbekannt, doch als Wildtier vernachl\u00c3\u00a4ssigt.\u00c2\u00a0Seit etwa 1850 sind ihre Populationen in Mitteleuropa durch Introgression und moderate k\u00c3\u00bcnstliche Selektion vom Menschen beeinflusst. Die Art wurde jedoch aufgrund fehlender Paarungskontolle nie wirklich domestiziert. 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