{"id":52193,"date":"2026-10-23T12:46:53","date_gmt":"2026-10-23T10:46:53","guid":{"rendered":"https:\/\/www.dbu.de\/promotionsstipendium\/20021-724\/"},"modified":"2026-10-23T12:46:56","modified_gmt":"2026-10-23T10:46:56","slug":"20021-724","status":"publish","type":"promotionsstipendium","link":"https:\/\/www.dbu.de\/en\/promotionsstipendium\/20021-724\/","title":{"rendered":"Mehr als eine Frage von Leben und Tod? Entwirrung nicht-letaler Effekte von Jagd und menschlicher St\u00c3\u00b6rung auf ein soziales S\u00c3\u00a4ugetier"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align:justify;\">Menschliche Aktivit\u00c3\u00a4ten erstrecken sich heute auf fast alle Lebensr\u00c3\u00a4ume weltweit. Selbst Natur- und Schutzgebiete stehen unter Druck, was auf den massiven weltweiten Anstieg des naturbasierten Tourismus und der Freizeitaktivit\u00c3\u00a4ten in Freien in den letzten Jahrzehnten zur\u00c3\u00bcckzuf\u00c3\u00bchren ist. W\u00c3\u00a4hrend Freizeitaktivit\u00c3\u00a4ten in der freien Natur oft als mit dem Naturschutz vereinbar angesehen werden, werden sie aufgrund von \u00e2\u20ac\u017eSt\u00c3\u00b6reffekten\u00e2\u20ac\u0153, das hei\u00c3\u0178t Ver\u00c3\u00a4nderungen des Verhaltens und\/oder der Physiologie von Tieren, die durch die Anwesenheit des Menschen ausgel\u00c3\u00b6st werden, zunehmend als bedenklich f\u00c3\u00bcr den Naturschutz betrachtet. Das Verhalten von Tieren spielt eine wichtige Rolle bei der Gestaltung \u00c3\u00b6kologischer Prozesse; daher haben vom Menschen verursachte Ver\u00c3\u00a4nderungen des Tierverhaltens oft (negative) Folgen f\u00c3\u00bcr Individuen und Populationen. Andererseits gibt es immer mehr Belege daf\u00c3\u00bcr, dass Wildtiere auch eine Verhaltenstoleranz gegen\u00c3\u00bcber Menschen entwickeln k\u00c3\u00b6nnen, das hei\u00c3\u0178t eine reduzierte oder fehlende Reaktion auf den Menschen. Die Mechanismen, die den unterschiedlichen Reaktionen auf menschliche Aktivit\u00c3\u00a4ten zugrunde liegen, sind jedoch unklar, und empirische Belege beschr\u00c3\u00a4nken sich derzeit auf einen Teil von Tierarten und Kontexten.<\/p>\n<p style=\"text-align:justify;\">In dieser Arbeit habe ich die Auswirkungen und die zugrundeliegenden Mechanismen von nicht-konsumtiven Freizeitaktivit\u00c3\u00a4ten und der Jagd auf das Verhalten, die Physiologie und die Sozialstruktur von Wildtieren untersucht. Das Alpenmurmeltier <em>Marmota marmota<\/em> diente mir dabei als Hauptmodellart. Murmeltiere eignen sich hervorragend f\u00c3\u00bcr Verhaltensstudien, da sie leicht einzufangen und zu markieren sind und, mit kleinen Territorien in offenen alpinen Graslandschaften, leicht zu beobachten und zu lokalisieren sind. Zudem befindet sich der Lebensraum des Murmeltiers h\u00c3\u00a4ufig in touristischen Gebieten, und die Schutzregelungen f\u00c3\u00bcr die Art sind lokal unterschiedlich, was M\u00c3\u00b6glichkeiten f\u00c3\u00bcr vergleichende Studien zur Untersuchung der Auswirkungen verschiedener menschlicher Aktivit\u00c3\u00a4ten er\u00c3\u00b6ffnet. Methodisch st\u00c3\u00bctzte ich mich sowohl auf etablierte Methoden, einschlie\u00c3\u0178lich direkter Beobachtungen und Verhaltensreaktionstests, als auch auf neuere Methoden, wie die Analyse von Cortisol-Stoffwechselprodukten aus Kotproben zur Bewertung von physiologischem Stress sowie Biologging und Sozialer-Netzwerkanalyse zur Untersuchung der Sozialstrukturen von Murmeltieren.<\/p>\n<p style=\"text-align:justify;\">Im Einf\u00c3\u00bchrungskapitel gebe ich einen \u00c3\u0153berblick \u00c3\u00bcber die Bedeutung des Tierverhaltens f\u00c3\u00bcr \u00c3\u00b6kologische Prozesse und den Naturschutz, den Einfluss des Menschen auf das Verhalten und die Sozialstruktur von Wildtieren sowie \u00c3\u00bcber Methoden zur Untersuchung von Mensch-Wildtier-Interaktionen. Dar\u00c3\u00bcber hinaus stelle ich das Alpenmurmeltier als Haupt-Modellart vor. In Kapitel 2 lege ich die Grundlage f\u00c3\u00bcr die Untersuchung von physiologischem Stress als Reaktion auf menschliche St\u00c3\u00b6rungen, indem ich erfolgreich einen Enzym-Immunoassay validiere, mit dem die adrenokortikale Aktivit\u00c3\u00a4t bei Alpenmurmeltieren verfolgt werden kann. In Kapitel 3 untersuche ich die Auswirkungen von nicht-konsumtiven Freizeitaktivit\u00c3\u00a4ten im Freien auf das Verhalten und den physiologischen Stress von Murmeltieren und zeige, dass menschliche Aktivit\u00c3\u00a4ten zwar in bestimmten Situationen St\u00c3\u00b6rungen verursachen k\u00c3\u00b6nnen, Murmeltiere aber auch verhaltenstolerant sein k\u00c3\u00b6nnen, insbesondere wenn die Tiere insgesamt verst\u00c3\u00a4rkt menschlichen Aktivit\u00c3\u00a4ten ausgesetzt sind. In Kapitel 4 bewerte ich m\u00c3\u00b6gliche Auswirkungen des Einfangens \u00e2\u20ac\u201c ein integraler Bestandteil der Feldmethoden dieser Arbeit \u00e2\u20ac\u201c auf die Verhaltenstoleranz von Murmeltieren gegen\u00c3\u00bcber Menschen, gemessen als Flucht-Initiations-Distanz (FID) zu einer sich n\u00c3\u00a4hernden Person. Es gab keine Hinweise auf eine Auswirkung des Einfangens auf die FID, daher ist es unwahrscheinlich, dass das Einfangen die Ergebnisse des n\u00c3\u00a4chsten Kapitels beeinflusst hat, welches die FID von Murmeltieren in Zusammenhang mit unterschiedlichen menschlichen Aktivit\u00c3\u00a4ten untersucht. In Kapitel 5 zeige ich, dass Murmeltiere aus Gebieten, in denen sie bejagt werden, h\u00c3\u00b6here FIDs aufweisen als in Gebieten, in denen sie nur nicht-konsumtiven menschlichen Aktivit\u00c3\u00a4ten, beispielsweise Wandern, ausgesetzt sind. Die Art der Erfahrungen, die Tiere mit Menschen machen, scheint also eine wichtige Rolle bei der Auspr\u00c3\u00a4gung der Toleranz gegen\u00c3\u00bcber dem Menschen zu spielen. In Kapitel 6 schlage ich einen neuen mechanistischen Forschungsrahmen vor, der die Verhaltensreaktionen von Wildtieren gegen\u00c3\u00bcber Menschen auf einem Kontinuum zwischen <em>Vermeidung \u00e2\u20ac\u201c Ann\u00c3\u00a4herung<\/em> darstellt und damit das vorherrschende Paradigma in Frage stellt, dass Wildtiere den Menschen in erster Linie als Raubtier wahrnehmen und standardm\u00c3\u00a4\u00c3\u0178ig mit Vermeidung reagieren. Anhand verschiedener Fallstudien zu verschiedenen Populationen, Arten und Taxa weltweit zeige ich, dass historische und gegenw\u00c3\u00a4rtige Erfahrungen mit dem Menschen \u00e2\u20ac\u201c ob harmlos oder sch\u00c3\u00a4digend f\u00c3\u00bcr Tiere \u00e2\u20ac\u201c bestimmen, wo eine Population auf diesem Kontinuum f\u00c3\u00a4llt. In Kapitel 7 untersuche ich sozialen Rollen in Gruppen des Gelbbauchmurmeltiers <em>Marmota flaviventris<\/em>, wobei ich direkte Beobachtungen zur Erfassung sozialer Assoziationen und soziale Netzwerkanalyse zur Untersuchung der Sozialstruktur des Murmeltiers verwende. Anhand von simulierten Knockout-Experimenten zeige ich, dass das Entfernen von Individuen aus verschiedenen Alters- und Geschlechtsgruppen die Sozialstruktur von Murmeltieren unterschiedlich beeinflusst. Dies verdeutlicht, wie die Jagd, die in der Regel selektiv auf bestimmte Alters- und Geschlechtsklassen (oft erwachsene M\u00c3\u00a4nnchen) abzielt, die Sozialstruktur st\u00c3\u00b6ren k\u00c3\u00b6nnte. In Kapitel 8 teste ich von Tieren getragene \u00e2\u20ac\u017eProximity Logger\u00e2\u20ac\u0153 zur Erfassung hochaufl\u00c3\u00b6sender sozialer Daten, die es erm\u00c3\u00b6glichen, die Auswirkungen anthropogener St\u00c3\u00b6rungen auf soziale Netzwerke von Tieren in realen Szenarien zu untersuchen. Obwohl es sich hierbei nur um eine Pilotstudie handelt, bietet sie erste faszinierende Einblicke in das Potenzial der automatisierten Datenerfassung zur Untersuchung sozialer Dynamiken in feinem Ma\u00c3\u0178stab.<\/p>\n<p style=\"text-align:justify;\">In Kapitel 9 fasse ich schlie\u00c3\u0178lich die zentralen Ergebnisse dieser Arbeit zusammen, er\u00c3\u00b6rtere sie im Kontext ihres breiteren Forschungsgebiets und zeige ihre Implikationen f\u00c3\u00bcr das Management und k\u00c3\u00bcnftige Anwendungen auf. Insgesamt tr\u00c3\u00a4gt diese Arbeit zu einem besseren Verst\u00c3\u00a4ndnis der nicht-letalen Auswirkungen von Freizeitaktivit\u00c3\u00a4ten in der Natur und der Jagd auf Wildtiere sowie der Anpassungen von Wildtieren an menschliche Aktivit\u00c3\u00a4t bei.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Menschliche Aktivit\u00c3\u00a4ten erstrecken sich heute auf fast alle Lebensr\u00c3\u00a4ume weltweit. 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