{"id":52193,"date":"2026-02-11T10:46:44","date_gmt":"2026-02-11T09:46:44","guid":{"rendered":"https:\/\/www.dbu.de\/promotionsstipendium\/20021-724\/"},"modified":"2026-02-11T10:46:45","modified_gmt":"2026-02-11T09:46:45","slug":"20021-724","status":"publish","type":"promotionsstipendium","link":"https:\/\/www.dbu.de\/en\/promotionsstipendium\/20021-724\/","title":{"rendered":"Mehr als eine Frage von Leben und Tod? Entwirrung nicht-letaler Effekte von Jagd und menschlicher St\u00f6rung auf ein soziales S\u00e4ugetier"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align:justify;\">Menschliche Aktivit\u00e4ten erstrecken sich heute auf fast alle Lebensr\u00e4ume weltweit. Selbst Natur- und Schutzgebiete stehen unter Druck, was auf den massiven weltweiten Anstieg des naturbasierten Tourismus und der Freizeitaktivit\u00e4ten in Freien in den letzten Jahrzehnten zur\u00fcckzuf\u00fchren ist. W\u00e4hrend Freizeitaktivit\u00e4ten in der freien Natur oft als mit dem Naturschutz vereinbar angesehen werden, werden sie aufgrund von \u201eSt\u00f6reffekten\u201c, das hei\u00dft Ver\u00e4nderungen des Verhaltens und\/oder der Physiologie von Tieren, die durch die Anwesenheit des Menschen ausgel\u00f6st werden, zunehmend als bedenklich f\u00fcr den Naturschutz betrachtet. Das Verhalten von Tieren spielt eine wichtige Rolle bei der Gestaltung \u00f6kologischer Prozesse; daher haben vom Menschen verursachte Ver\u00e4nderungen des Tierverhaltens oft (negative) Folgen f\u00fcr Individuen und Populationen. Andererseits gibt es immer mehr Belege daf\u00fcr, dass Wildtiere auch eine Verhaltenstoleranz gegen\u00fcber Menschen entwickeln k\u00f6nnen, das hei\u00dft eine reduzierte oder fehlende Reaktion auf den Menschen. Die Mechanismen, die den unterschiedlichen Reaktionen auf menschliche Aktivit\u00e4ten zugrunde liegen, sind jedoch unklar, und empirische Belege beschr\u00e4nken sich derzeit auf einen Teil von Tierarten und Kontexten.<\/p>\n<p style=\"text-align:justify;\">In dieser Arbeit habe ich die Auswirkungen und die zugrundeliegenden Mechanismen von nicht-konsumtiven Freizeitaktivit\u00e4ten und der Jagd auf das Verhalten, die Physiologie und die Sozialstruktur von Wildtieren untersucht. Das Alpenmurmeltier <em>Marmota marmota<\/em> diente mir dabei als Hauptmodellart. Murmeltiere eignen sich hervorragend f\u00fcr Verhaltensstudien, da sie leicht einzufangen und zu markieren sind und, mit kleinen Territorien in offenen alpinen Graslandschaften, leicht zu beobachten und zu lokalisieren sind. Zudem befindet sich der Lebensraum des Murmeltiers h\u00e4ufig in touristischen Gebieten, und die Schutzregelungen f\u00fcr die Art sind lokal unterschiedlich, was M\u00f6glichkeiten f\u00fcr vergleichende Studien zur Untersuchung der Auswirkungen verschiedener menschlicher Aktivit\u00e4ten er\u00f6ffnet. Methodisch st\u00fctzte ich mich sowohl auf etablierte Methoden, einschlie\u00dflich direkter Beobachtungen und Verhaltensreaktionstests, als auch auf neuere Methoden, wie die Analyse von Cortisol-Stoffwechselprodukten aus Kotproben zur Bewertung von physiologischem Stress sowie Biologging und Sozialer-Netzwerkanalyse zur Untersuchung der Sozialstrukturen von Murmeltieren.<\/p>\n<p style=\"text-align:justify;\">Im Einf\u00fchrungskapitel gebe ich einen \u00dcberblick \u00fcber die Bedeutung des Tierverhaltens f\u00fcr \u00f6kologische Prozesse und den Naturschutz, den Einfluss des Menschen auf das Verhalten und die Sozialstruktur von Wildtieren sowie \u00fcber Methoden zur Untersuchung von Mensch-Wildtier-Interaktionen. Dar\u00fcber hinaus stelle ich das Alpenmurmeltier als Haupt-Modellart vor. In Kapitel 2 lege ich die Grundlage f\u00fcr die Untersuchung von physiologischem Stress als Reaktion auf menschliche St\u00f6rungen, indem ich erfolgreich einen Enzym-Immunoassay validiere, mit dem die adrenokortikale Aktivit\u00e4t bei Alpenmurmeltieren verfolgt werden kann. In Kapitel 3 untersuche ich die Auswirkungen von nicht-konsumtiven Freizeitaktivit\u00e4ten im Freien auf das Verhalten und den physiologischen Stress von Murmeltieren und zeige, dass menschliche Aktivit\u00e4ten zwar in bestimmten Situationen St\u00f6rungen verursachen k\u00f6nnen, Murmeltiere aber auch verhaltenstolerant sein k\u00f6nnen, insbesondere wenn die Tiere insgesamt verst\u00e4rkt menschlichen Aktivit\u00e4ten ausgesetzt sind. In Kapitel 4 bewerte ich m\u00f6gliche Auswirkungen des Einfangens \u2013 ein integraler Bestandteil der Feldmethoden dieser Arbeit \u2013 auf die Verhaltenstoleranz von Murmeltieren gegen\u00fcber Menschen, gemessen als Flucht-Initiations-Distanz (FID) zu einer sich n\u00e4hernden Person. Es gab keine Hinweise auf eine Auswirkung des Einfangens auf die FID, daher ist es unwahrscheinlich, dass das Einfangen die Ergebnisse des n\u00e4chsten Kapitels beeinflusst hat, welches die FID von Murmeltieren in Zusammenhang mit unterschiedlichen menschlichen Aktivit\u00e4ten untersucht. In Kapitel 5 zeige ich, dass Murmeltiere aus Gebieten, in denen sie bejagt werden, h\u00f6here FIDs aufweisen als in Gebieten, in denen sie nur nicht-konsumtiven menschlichen Aktivit\u00e4ten, beispielsweise Wandern, ausgesetzt sind. Die Art der Erfahrungen, die Tiere mit Menschen machen, scheint also eine wichtige Rolle bei der Auspr\u00e4gung der Toleranz gegen\u00fcber dem Menschen zu spielen. In Kapitel 6 schlage ich einen neuen mechanistischen Forschungsrahmen vor, der die Verhaltensreaktionen von Wildtieren gegen\u00fcber Menschen auf einem Kontinuum zwischen <em>Vermeidung \u2013 Ann\u00e4herung<\/em> darstellt und damit das vorherrschende Paradigma in Frage stellt, dass Wildtiere den Menschen in erster Linie als Raubtier wahrnehmen und standardm\u00e4\u00dfig mit Vermeidung reagieren. Anhand verschiedener Fallstudien zu verschiedenen Populationen, Arten und Taxa weltweit zeige ich, dass historische und gegenw\u00e4rtige Erfahrungen mit dem Menschen \u2013 ob harmlos oder sch\u00e4digend f\u00fcr Tiere \u2013 bestimmen, wo eine Population auf diesem Kontinuum f\u00e4llt. In Kapitel 7 untersuche ich sozialen Rollen in Gruppen des Gelbbauchmurmeltiers <em>Marmota flaviventris<\/em>, wobei ich direkte Beobachtungen zur Erfassung sozialer Assoziationen und soziale Netzwerkanalyse zur Untersuchung der Sozialstruktur des Murmeltiers verwende. Anhand von simulierten Knockout-Experimenten zeige ich, dass das Entfernen von Individuen aus verschiedenen Alters- und Geschlechtsgruppen die Sozialstruktur von Murmeltieren unterschiedlich beeinflusst. Dies verdeutlicht, wie die Jagd, die in der Regel selektiv auf bestimmte Alters- und Geschlechtsklassen (oft erwachsene M\u00e4nnchen) abzielt, die Sozialstruktur st\u00f6ren k\u00f6nnte. In Kapitel 8 teste ich von Tieren getragene \u201eProximity Logger\u201c zur Erfassung hochaufl\u00f6sender sozialer Daten, die es erm\u00f6glichen, die Auswirkungen anthropogener St\u00f6rungen auf soziale Netzwerke von Tieren in realen Szenarien zu untersuchen. Obwohl es sich hierbei nur um eine Pilotstudie handelt, bietet sie erste faszinierende Einblicke in das Potenzial der automatisierten Datenerfassung zur Untersuchung sozialer Dynamiken in feinem Ma\u00dfstab.<\/p>\n<p style=\"text-align:justify;\">In Kapitel 9 fasse ich schlie\u00dflich die zentralen Ergebnisse dieser Arbeit zusammen, er\u00f6rtere sie im Kontext ihres breiteren Forschungsgebiets und zeige ihre Implikationen f\u00fcr das Management und k\u00fcnftige Anwendungen auf. Insgesamt tr\u00e4gt diese Arbeit zu einem besseren Verst\u00e4ndnis der nicht-letalen Auswirkungen von Freizeitaktivit\u00e4ten in der Natur und der Jagd auf Wildtiere sowie der Anpassungen von Wildtieren an menschliche Aktivit\u00e4t bei.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Menschliche Aktivit\u00e4ten erstrecken sich heute auf fast alle Lebensr\u00e4ume weltweit. Selbst Natur- und Schutzgebiete stehen unter Druck, was auf den massiven weltweiten Anstieg des naturbasierten Tourismus und der Freizeitaktivit\u00e4ten in Freien in den letzten Jahrzehnten zur\u00fcckzuf\u00fchren ist. W\u00e4hrend Freizeitaktivit\u00e4ten in der freien Natur oft als mit dem Naturschutz vereinbar angesehen werden, werden sie aufgrund von [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"template":"","meta":{"footnotes":""},"categories":[],"tags":[2477],"class_list":["post-52193","promotionsstipendium","type-promotionsstipendium","status-publish","hentry","tag-deutschland"],"meta_box":{"dbu_stipendiaten_az":"20021\/724","dbu_stipendiaten_anrede":"","dbu_stipendiaten_nachname":"Zenth","dbu_stipendiaten_vorname":"Friederike","dbu_stipendiaten_titel":"","dbu_stipendiaten_fbeginn":"2021-07-01 00:00:00","dbu_stipendiaten_fende":"2024-12-31 00:00:00","dbu_stipendiaten_e_anschrif":"Universit\u00e4t Freiburg Fakult\u00e4t f\u00fcr Umwelt und Nat\u00fcrliche Ressourcen Lehrstuhl f\u00fcr Wildtier\u00f6kologie und Wildtiermanagement","dbu_stipendiaten_betreuer":"Prof. Dr. Ilse Storch","dbu_stipendiaten_email_dienst":"friederike.zenth92@gmail.com"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.dbu.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/promotionsstipendium\/52193","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.dbu.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/promotionsstipendium"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.dbu.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/promotionsstipendium"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dbu.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.dbu.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/promotionsstipendium\/52193\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":58205,"href":"https:\/\/www.dbu.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/promotionsstipendium\/52193\/revisions\/58205"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.dbu.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=52193"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dbu.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=52193"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dbu.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=52193"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}