{"id":52116,"date":"2026-10-23T12:46:33","date_gmt":"2026-10-23T10:46:33","guid":{"rendered":"https:\/\/www.dbu.de\/promotionsstipendium\/20022-049\/"},"modified":"2026-10-23T12:46:37","modified_gmt":"2026-10-23T10:46:37","slug":"20022-049","status":"publish","type":"promotionsstipendium","link":"https:\/\/www.dbu.de\/en\/promotionsstipendium\/20022-049\/","title":{"rendered":"Akustische, soziale und genetische Aspekte des Paarungssystems der einheimischen Fledermausart Myotis myotis (Gro\u00c3\u0178es Mausohr)"},"content":{"rendered":"<p>Flederm\u00c3\u00a4use repr\u00c3\u00a4sentieren einen Gro\u00c3\u0178teil des Artenreichtums der S\u00c3\u00a4ugetiere und leisten global einen wesentlichen Beitrag zu vielen \u00c3\u2013kosystemfunktionen, z. B. durch Best\u00c3\u00a4ubung, Samenverbreitung und die Kontrolle von Schadinsekten. Gleichzeitig unterliegen sie einer akuten Gef\u00c3\u00a4hrdung: In Deutschland sind alle 25 vorkommenden Fledermausarten stark bedroht und durch ihre Listung in Anhang IV der FFH-Richtlinie sowie durch das Bundesnaturschutzgesetz (Natura 2000) besonders gesch\u00c3\u00bctzt. Dennoch verzeichnen viele Arten weiterhin Populationsr\u00c3\u00bcckg\u00c3\u00a4nge. Ein Gro\u00c3\u0178teil der Arten ist in regionalen, nationalen und internationalen Roten Listen gef\u00c3\u00a4hrdeter Tierarten aufgef\u00c3\u00bchrt, und etwa die H\u00c3\u00a4lfte gilt international zumindest als gef\u00c3\u00a4hrdet oder befindet sich auf der Vorwarnliste (IUCN). Die in Deutschland vorkommenden Fledermausarten sind spezialisierte Insektenfresser und exzellente J\u00c3\u00a4ger. Flederm\u00c3\u00a4use k\u00c3\u00b6nnen in einer Nacht bis zu einem Drittel ihres eigenen K\u00c3\u00b6rpergewichts an Insekten fressen und geh\u00c3\u00b6ren damit zu deren wichtigsten Pr\u00c3\u00a4datoren. Sie leisten essenzielle \u00c3\u2013kosystemdienste, indem sie nicht nur Sch\u00c3\u00a4dlinge auf land- und forstwirtschaftlichen Fl\u00c3\u00a4chen regulieren, sondern auch Insekten, die als Vektoren f\u00c3\u00bcr humanpathogene Krankheiten fungieren. Lebensraumfragmentierung, ver\u00c3\u00a4nderte Landnutzung und zunehmende anthropogene Stressoren stellen dabei die gr\u00c3\u00b6\u00c3\u0178ten Gef\u00c3\u00a4hrdungsursachen dar. Insbesondere Arten ohne generalistische Lebensweise, darunter viele Vertreter der Gattung <em>Myotis<\/em>, sind hiervon stark betroffen.<\/p>\n<p>Das Gro\u00c3\u0178e Mausohr (<em>Myotis myotis<\/em>) ist aufgrund seiner spezialisierten Jagdstrategie (\u00e2\u20ac\u017egleaning\u00e2\u20ac\u0153) und seiner Abh\u00c3\u00a4ngigkeit von Geb\u00c3\u00a4uden als Quartiere besonders anf\u00c3\u00a4llig f\u00c3\u00bcr menschliche Eingriffe. Ein fr\u00c3\u00bchzeitiger und zielgerichteter Schutz ist daher notwendig, um den langfristigen Erhalt der Art zu sichern. Bei bislang g\u00c3\u00a4ngigen Schutzma\u00c3\u0178nahmen wird jedoch das Sozialsystem der Flederm\u00c3\u00a4use h\u00c3\u00a4ufig nicht ber\u00c3\u00bccksichtigt, obwohl es einen wesentlichen Teil ihres Verhaltens erkl\u00c3\u00a4rt und eng mit dem Fortpflanzungserfolg verkn\u00c3\u00bcpft ist.<\/p>\n<p>Flederm\u00c3\u00a4use weisen eine gro\u00c3\u0178e Variation im Sozialsystem auf: W\u00c3\u00a4hrend einige Arten solit\u00c3\u00a4r leben, bilden andere Kolonien mit mehreren Millionen Individuen. In gem\u00c3\u00a4\u00c3\u0178igten Zonen ist Gruppenbildung vor allem w\u00c3\u00a4hrend des Winterschlafs, der Jungenaufzucht und der Paarungszeit zu beobachten. Die Komplexit\u00c3\u00a4t des Sozialverhaltens ergibt sich im Wesentlichen aus der Philopatrie der Weibchen, kooperativem Verhalten sowie sozialen Interaktionen innerhalb von Kolonien und beeinflusst ma\u00c3\u0178geblich das jeweilige Paarungssystem. Ein Verst\u00c3\u00a4ndnis des Paarungs- und Balzverhaltens ist daher entscheidend, um das Verhalten der Tiere insgesamt zu verstehen und neue Ans\u00c3\u00a4tze f\u00c3\u00bcr wirksame Schutzma\u00c3\u0178nahmen zu entwickeln.<\/p>\n<p>Im Rahmen meines Promotionsprojekts konnte gezeigt werden, dass das Gro\u00c3\u0178e Mausohr ein Lek-Paarungssystem aufweist. M\u00c3\u00a4nnchen besetzen w\u00c3\u00a4hrend der Paarungszeit feste Balzpl\u00c3\u00a4tze innerhalb von Quartieren, zeigen eine hohe Standorttreue und verteidigen diese aktiv gegen andere M\u00c3\u00a4nnchen. Weibchen suchen gezielt einzelne M\u00c3\u00a4nnchen auf und gehen mit diesen mehrstufige, friedliche Paarungsinteraktionen ein, die mehrere Kopulationen umfassen k\u00c3\u00b6nnen. Diese Ergebnisse belegen, dass m\u00c3\u00a4nnliche Balzquartiere und einzelne Balzpl\u00c3\u00a4tze eine zentrale Rolle f\u00c3\u00bcr den Fortpflanzungserfolg der Art spielen.<\/p>\n<p>Dar\u00c3\u00bcber hinaus konnte ein breites und kontextabh\u00c3\u00a4ngiges Lautrepertoire beschrieben werden. M\u00c3\u00a4nnchen produzieren w\u00c3\u00a4hrend der Paarungszeit komplexe, trillerartige Vokalisationen, die eine deutliche saisonale Dynamik aufweisen und w\u00c3\u00a4hrend der Hauptpaarungszeit am h\u00c3\u00a4ufigsten auftreten. Diese Triller tragen individuelle akustische Signaturen und erm\u00c3\u00b6glichen eine Unterscheidung einzelner M\u00c3\u00a4nnchen; zudem weisen erste Analysen auf geographische Unterschiede zwischen Populationen hin.\u00c2\u00a0<\/p>\n<p>Aus diesem Grund konnte durch ein ganzheitliches Verst\u00c3\u00a4ndnis der Biologie des Gro\u00c3\u0178en Mausohrs ein Beitrag zum zielgerichteten Schutz dieser Art geleistet und eine Grundlage f\u00c3\u00bcr die Identifikation von Paarungsquartieren, unter anderem mittels bioakustischem Monitoring, geschaffen werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Flederm\u00c3\u00a4use repr\u00c3\u00a4sentieren einen Gro\u00c3\u0178teil des Artenreichtums der S\u00c3\u00a4ugetiere und leisten global einen wesentlichen Beitrag zu vielen \u00c3\u2013kosystemfunktionen, z. B. durch Best\u00c3\u00a4ubung, Samenverbreitung und die Kontrolle von Schadinsekten. 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