{"id":52113,"date":"2026-10-23T12:46:33","date_gmt":"2026-10-23T10:46:33","guid":{"rendered":"https:\/\/www.dbu.de\/promotionsstipendium\/20022-052\/"},"modified":"2026-10-23T12:46:36","modified_gmt":"2026-10-23T10:46:36","slug":"20022-052","status":"publish","type":"promotionsstipendium","link":"https:\/\/www.dbu.de\/en\/promotionsstipendium\/20022-052\/","title":{"rendered":"Reifen- und Stra\u00c3\u0178enabrieb als Trojanisches Pferd f\u00c3\u00bcr Schadstoffe im Gew\u00c3\u00a4sser? Sorptionsverhalten von Spurenelementen an Reifen- und Stra\u00c3\u0178enabrieb in Oberfl\u00c3\u00a4chengew\u00c3\u00a4sserproben"},"content":{"rendered":"<p>Die Erfindung des Automobils vor rund 140 Jahren markierte einen entscheidenden Fortschritt f\u00c3\u00bcr die individuelle Mobilit\u00c3\u00a4t moderner Gesellschaften. Heute ist das Auto aus dem Alltag kaum mehr wegzudenken: In der Europ\u00c3\u00a4ischen Union werden \u00c3\u00bcber 80 % aller Wege mit dem Pkw zur\u00c3\u00bcckgelegt. Insgesamt sind derzeit etwa 260 Millionen Fahrzeuge in der EU zugelassen, davon rund 50 Millionen in Deutschland \u00e2\u20ac\u201c mit weiterhin steigender Tendenz.<\/p>\n<p>Mit dieser Entwicklung gehen jedoch erhebliche Umweltbelastungen einher. W\u00c3\u00a4hrend bei konventionellen Antrieben Abgase entstehen, werden unabh\u00c3\u00a4ngig von der Antriebsart sogenannte Nicht-Abgasemissionen freigesetzt. Dazu z\u00c3\u00a4hlen insbesondere Reifen-, Bremsen- und Stra\u00c3\u0178enabrieb. Im Gegensatz zu den Abgasemissionen nehmen diese seit Jahren zu. Vor diesem Hintergrund wurde mit der Verordnung (EU) 2024\/1257 die Euro-7-Norm eingef\u00c3\u00bchrt, die erstmals auch Abriebemissionen reguliert. Konkrete Grenzwerte f\u00c3\u00bcr Reifenabrieb stehen jedoch noch aus und werden fr\u00c3\u00bchestens ab dem 1. Juli 2028 gelten.<\/p>\n<p>Die Dimension dieses Problems ist erheblich: In der EU entstehen j\u00c3\u00a4hrlich etwa 1,33 Millionen Tonnen Reifenabrieb, in Deutschland \u00c3\u00bcber 100.000 Tonnen. Pro Kopf entspricht dies etwa 1,2 bis 2,4 Kilogramm pro Jahr. Damit tr\u00c3\u00a4gt Reifenabrieb sch\u00c3\u00a4tzungsweise rund 30 % zu den gesamten Mikroplastikemissionen bei.<\/p>\n<p>\u00c3\u201ehnlich wie ein Radiergummi Partikel von Papier aufnimmt, bindet auch Reifenabrieb weitere Stoffe von der Stra\u00c3\u0178enoberfl\u00c3\u00a4che. Dabei entstehen komplexe Partikel, die neben Gummi auch mineralische Bestandteile aus Bremsen- und Stra\u00c3\u0178enabrieb enthalten. Diese Mischung wird als Reifen- und Stra\u00c3\u0178enabrieb (TRWP) bezeichnet.<\/p>\n<p>Nach der Ablagerung auf der Fahrbahn werden diese Partikel insbesondere bei Regenereignissen (ab etwa 2 mm pro Tag) mobilisiert. Etwa 70 % verbleiben im stra\u00c3\u0178ennahen Boden, w\u00c3\u00a4hrend 20 bis 30 % in Gew\u00c3\u00a4sser gelangen. Der Gro\u00c3\u0178teil entsteht dabei im urbanen Raum, wo Verkehrsaufkommen und Versiegelung besonders hoch sind.<\/p>\n<p>Die Zusammensetzung von Reifen tr\u00c3\u00a4gt zus\u00c3\u00a4tzlich zur Problematik bei. Um unterschiedlichen Umweltbedingungen standzuhalten, werden bei der Herstellung Additive wie Antioxidantien, Weichmacher und UV-Stabilisatoren eingesetzt. Diese verleihen dem Material eine hohe Stabilit\u00c3\u00a4t, f\u00c3\u00bchren jedoch dazu, dass auch die entstehenden Abriebpartikel persistent in der Umwelt verbleiben.<\/p>\n<p>In aquatischen Systemen k\u00c3\u00b6nnen sich diese Additive aus den Partikeln l\u00c3\u00b6sen. F\u00c3\u00bcr bestimmte Substanzen, wie etwa 6-PPD und dessen Transformationsprodukt 6-PPD-Chinon, wurden bereits sch\u00c3\u00a4dliche Effekte auf Wasserorganismen nachgewiesen. Auch das im Reifen enthaltene Zink steht im Verdacht, \u00c3\u00b6kologische Auswirkungen zu haben.<\/p>\n<p>Vor diesem Hintergrund konzentriert sich die aktuelle Forschung zunehmend auf die Umweltwirkungen von Reifenabrieb. Ein bislang weniger untersuchter Aspekt ist jedoch seine Rolle als Tr\u00c3\u00a4germaterial f\u00c3\u00bcr weitere Schadstoffe. Erste Studien zeigen, dass Reifenabrieb Substanzen wie Antibiotika, Weichmacher oder Schwermetalle (z. B. Cd und Pb) adsorbieren kann und somit als Transportmedium f\u00c3\u00bcr Schadstoffe fungiert.<\/p>\n<p>Zus\u00c3\u00a4tzlich enth\u00c3\u00a4lt Reifen- und Stra\u00c3\u0178enabrieb durch die Aufnahme weiterer Partikel Schwermetalle wie Cr, Ni, Cu, Cd und Pb. Zink ist mit etwa 1 % ein wesentlicher Bestandteil, da es in Form von ZnO bei der Vulkanisation eingesetzt wird. Dennoch fehlen bislang naturnahe Untersuchungen, die die Wechselwirkungen zwischen solchen Partikeln und Schwermetallen in Gew\u00c3\u00a4ssern umfassend beschreiben.<\/p>\n<p>Hier setzt die vorliegende Arbeit an. Ziel ist es, die Interaktion von Schwermetallen mit Reifen- und Stra\u00c3\u0178enabrieb unter realit\u00c3\u00a4tsnahen Bedingungen zu untersuchen. Im Fokus stehen dabei die Bedeutung der Adsorption f\u00c3\u00bcr die Gew\u00c3\u00a4sserqualit\u00c3\u00a4t, die zugrunde liegenden Mechanismen sowie die Bindungsst\u00c3\u00a4rke und Bioverf\u00c3\u00bcgbarkeit der gebundenen Metalle. Zudem wird analysiert, wie Umweltfaktoren wie Salinit\u00c3\u00a4t und gel\u00c3\u00b6ster organischer Kohlenstoff (DOC) diese Prozesse beeinflussen.<\/p>\n<p>Langfristig soll das Gef\u00c3\u00a4hrdungspotenzial der Anreicherung von Spurenelementen an Abriebpartikeln im Gew\u00c3\u00a4sser abgesch\u00c3\u00a4tzt werden. Die zugrunde liegende Hypothese lautet, dass biogeochemische Prozesse die Akkumulation und Mobilit\u00c3\u00a4t dieser Elemente beeinflussen und somit Auswirkungen auf die chemische Gew\u00c3\u00a4sserqualit\u00c3\u00a4t haben k\u00c3\u00b6nnen.<\/p>\n<p>Zur Untersuchung wurden verschiedene Arten von Reifen- und Stra\u00c3\u0178enabriebproben eingesetzt. Dazu z\u00c3\u00a4hlen realit\u00c3\u00a4tsnahe Proben aus Verkehrsumgebungen sowie k\u00c3\u00bcnstlich hergestellte Abriebpartikel. Erg\u00c3\u00a4nzt wurden diese durch unterschiedliche Gew\u00c3\u00a4sserproben, die sowohl nat\u00c3\u00bcrliche als auch anthropogen beeinflusste Systeme repr\u00c3\u00a4sentieren.<\/p>\n<p>Die experimentelle Vorgehensweise basierte auf Inkubationsversuchen, bei denen Abriebpartikel mit Wasserproben in Kontakt gebracht wurden. Anschlie\u00c3\u0178end wurden die Partikel analysiert, um die aufgenommenen oder abgegebenen Schwermetalle zu quantifizieren.<\/p>\n<p>Die Ergebnisse zeigen, dass Schwermetalle wie Cr, Ni, Zn, Cd und Pb in umweltrelevanten Konzentrationen an Reifen- und Stra\u00c3\u0178enabrieb adsorbieren. Dabei spielt die mineralische Beschichtung der Partikel eine zentrale Rolle, da sie bevorzugte Bindungsstellen bietet. Reiner Reifengummi zeigt hingegen eine deutlich geringere Adsorptionsf\u00c3\u00a4higkeit, was darauf hindeutet, dass viele bisherige Studien die tats\u00c3\u00a4chliche Umweltwirkung untersch\u00c3\u00a4tzen.<\/p>\n<p>Weitere Analysen zur Bindungsst\u00c3\u00a4rke zeigen, dass insbesondere Zn und Cd vergleichsweise leicht mobilisierbar sind, etwa durch pH-\u00c3\u201enderungen infolge von Regenereignissen. Auch Pb kann unter anaeroben Bedingungen in Sedimenten freigesetzt werden. Dagegen sind Metalle wie Cu, Ni und Cr deutlich stabiler gebunden. Insgesamt ergibt sich eine Reihenfolge der Bioverf\u00c3\u00bcgbarkeit von Zn > Pb > Cd >> Cu >> Ni > Cr.<\/p>\n<p>Umweltfaktoren beeinflussen diese Prozesse erheblich. Ein erh\u00c3\u00b6hter Salzgehalt kann die Adsorption von Cd und Zn verringern und sogar zu deren Freisetzung f\u00c3\u00bchren \u00e2\u20ac\u201c sowohl in k\u00c3\u00bcstennahen Bereichen als auch in urbanen Gew\u00c3\u00a4ssern durch Streusalzeinsatz. \u00c3\u201ehnlich wirkt gel\u00c3\u00b6ster organischer Kohlenstoff, wobei insbesondere Huminstoffe eine starke Mobilisierung bewirken.<\/p>\n<p>Diese Ergebnisse verdeutlichen, dass Reifenabrieb und Schwermetalle nicht isoliert betrachtet werden d\u00c3\u00bcrfen. Vielmehr ist ihr Zusammenspiel entscheidend f\u00c3\u00bcr die Bewertung von Umweltwirkungen. Modellrechnungen zeigen, dass insbesondere nach Regenereignissen erh\u00c3\u00b6hte Konzentrationen auftreten k\u00c3\u00b6nnen, die aquatische Organismen gef\u00c3\u00a4hrden.<\/p>\n<p>F\u00c3\u00bcr urbane R\u00c3\u00a4ume ergeben sich daraus wichtige Implikationen, insbesondere im Kontext von Konzepten wie der Schwammstadt. Ma\u00c3\u0178nahmen zur R\u00c3\u00bcckhaltung und Behandlung von Stra\u00c3\u0178enabfl\u00c3\u00bcssen gewinnen an Bedeutung, um den Eintrag von Schadstoffen in Gew\u00c3\u00a4sser zu reduzieren.<\/p>\n<p>Zuk\u00c3\u00bcnftige Forschung sollte sich verst\u00c3\u00a4rkt auf langfristige Effekte, komplexe Stoffgemische und reale Umweltbedingungen konzentrieren. Insbesondere die Kombination verschiedener Stressoren stellt eine Herausforderung f\u00c3\u00bcr die Bewertung \u00c3\u00b6kologischer Risiken dar.<\/p>\n<p>Zusammenfassend zeigt diese Arbeit, dass Reifen- und Stra\u00c3\u0178enabrieb eine bedeutende Rolle im Transport und in der Mobilisierung von Schwermetallen spielt. Die Wechselwirkungen zwischen Partikeln, Schadstoffen und Umweltbedingungen k\u00c3\u00b6nnen die Gew\u00c3\u00a4sserqualit\u00c3\u00a4t nachhaltig beeinflussen und sollten daher st\u00c3\u00a4rker in Umweltbewertung und Regulierung ber\u00c3\u00bccksichtigt werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Erfindung des Automobils vor rund 140 Jahren markierte einen entscheidenden Fortschritt f\u00c3\u00bcr die individuelle Mobilit\u00c3\u00a4t moderner Gesellschaften. Heute ist das Auto aus dem Alltag kaum mehr wegzudenken: In der Europ\u00c3\u00a4ischen Union werden \u00c3\u00bcber 80 % aller Wege mit dem Pkw zur\u00c3\u00bcckgelegt. 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