{"id":27812,"date":"2025-11-07T10:32:09","date_gmt":"2025-11-07T09:32:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.dbu.de\/projektdatenbank\/37993-01\/"},"modified":"2025-11-07T10:32:10","modified_gmt":"2025-11-07T09:32:10","slug":"37993-01","status":"publish","type":"projektdatenbank","link":"https:\/\/www.dbu.de\/en\/projektdatenbank\/37993-01\/","title":{"rendered":"Planetary Health Modell zur Reduktion von Hitzestress auf Quartiersebene"},"content":{"rendered":"<p>Zielsetzung und Anlass des Vorhabens<\/p>\n<p>Das Ziel des 17-monatigen Projektes war eine Operationalisierung des Planetary Health Konzeptes auf Quartiersebene, um damit einen Beitrag zur Entwicklung gesundheits- und klimaresilienter Quartiere zu leisten. Das Quartier als wichtige Interventionsebene wird auch im Umweltgutachten des Sachverst\u00e4ndigenrates f\u00fcr Umweltfragen der Bundesregierung hervorgehoben (SRU 2020, Kap.7). Ausgehend von verschiedenen urbanen Skalen steht vor allem der Hitzestress auf der Quartiersebene unter Beachtung individueller Lebensbedingungen im Fokus der Untersuchung. Dazu wurden quartiersbezogene Modellierungen des Mikroklimas und sozialwissenschaftliche Analysen kombiniert. Erste Vorarbeiten der Antragsteller zur lokalen Wohn- und Lebensqualit\u00e4t erfuhren dadurch eine gezielte Weiterentwicklung. Die angestrebten Ergebnisse wurden dem Wohnungsunternehmen LWB (Leipziger Wohnungs- und Baugesellschaft), st\u00e4dtischen \u00c4mtern sowie vor Ort t\u00e4tigen NGOs und klein- und mittelst\u00e4ndischen Unternehmen (KMU), die in der Quartiersentwicklung engagiert sind, zur Verf\u00fcgung gestellt. Der intensive Austausch und die existierende enge Zusammenarbeit mit Praxispartner*innen im Sinne von Co-design und Co-creation haben zur Erf\u00fcllung der im Projekt zu verfolgenden Ziele beigetragen.<\/p>\n<p>Darstellung der Arbeitsschritte und der angewandten MethodenDie Projektarbeit umfasste folgende Arbeitsschritte (AS):<\/p>\n<p>AS1: Vorbereitung mikrometeorologischer Simulationen des Stadtklimas f\u00fcr die gesamteStadt Leipzig, einschlie\u00dflich des human-biometeorologischen Moduls zurBestimmung der gef\u00fchlten Temperatur (PET, Strahlungstemperatur, etc.); Aufbereitung ben\u00f6tigter Inputdaten zu Bebauungsstruktur, Vegetation, Bodentypen und Wasserk\u00f6rper (1-10 m r\u00e4umliche Aufl\u00f6sung); Zusammenstellung der relevanten sozialwissenschaftlichen und mobilen Messdaten; Auswahl eines geeigneten Simulationszeitraumes.<\/p>\n<p>AS2: Identifikation geeigneter Untersuchungsquartiere: Gro\u00dfwohnsiedlung am Stadtrand (Leipzig Gr\u00fcnau-Nord), innerst\u00e4dtisches Wohnquartier (Kolonnadenviertel); Vorbereitung feiner aufgel\u00f6ster Simulationen (1-2 m) der ausgew\u00e4hlten Untersuchungsquartiere.<\/p>\n<p>AS3: Basierend auf der Sekund\u00e4rauswertung von Befragungsdaten zur Hitzewahrnehmung und Anpassung erfolgte eine Definition von m\u00f6glichen Anpassungsszenarien, die im Stadtklimamodell implementiert und mit Hilfe der unter AS1 und AS2 vorbereiteten Setups simuliert wurden.<\/p>\n<p>AS4: Bewertung der Szenarien-Ergebnisse hinsichtlich Hitzestressreduktion, stadtklimatischer Auswirkungen und Einfluss auf das \u00d6kosystem Stadt; Analyse der Unterschiede in verschiedenen Quartieren zur Verallgemeinerung und \u00dcbertragbarkeit der Ergebnisse; Priorisierungsempfehlungen hinsichtlich Anpassungsma\u00dfnahmen f\u00fcr Praxispartner*innen.<\/p>\n<p>AS5: Entwicklung Designkonzept f\u00fcr gr\u00fcne Infrastruktur mit verschiedenen; hierbei besonderer Fokus auf Standort und Anordnung von Vegetation inklusive Beachtung der Baumart und deren Widerstandskraft gegen\u00fcber Umwelt\u00e4nderungen.<\/p>\n<p>AS6: Identifikation von Schl\u00fcsselfaktoren aus AS4 und AS5 innerhalb verschiedener Planetary Health Bereiche (z. B. menschliche Gesundheit, urbanes \u00d6kosystem, soziale Faktoren, Bebauung etc.) und Skalen mit besonderem Fokus auf die Quartiersebene; Entwicklung eines konzeptionellen Zugangs zu Planetary Health auf der Quartiersebene und Zusammenf\u00fchrung der Ergebnisse in Form eines interaktiven \u0084Methoden-Baukastens\u0093.<\/p>\n<p>AS7: R\u00fcckspiegelung der Ergebnisse an Praxispartner*innen und Bewohner*innen sowie adressatengerechte Kommunikation der Ergebnisse; intensiver Austausch im Rahmen von zwei Arbeitskreissitzungen, Publikation in einschl\u00e4gigen Fachzeitschriften.<\/p>\n<p>Folgende Methoden wurden angewendet:<\/p>\n<p>&#8211; Mikrometeorologische Simulationen: PALM-4U<br \/>\n&#8211; Befragungen: Sekund\u00e4rauswertungen + eigene Erhebungen<br \/>\n&#8211; Kommunaldaten: Leipziger Kommunalstatistik (z.B. Altersstruktur in statistischen Bl\u00f6cken)<br \/>\n&#8211; Expertengespr\u00e4che mit Repr\u00e4sentant*innen st\u00e4dtischer \u00c4mter und mit KMUs<br \/>\n&#8211; Partizipative Austauschformate mit Wissenschaftler*innen und Praxisvertreter*innen im Visualisierungszentrum des UFZ (VisLab)<\/p>\n<p>Ergebnisse und Diskussion<\/p>\n<p>Basierend auf dem Planetary Health-Modell von French et al. (2021) sollte im Rahmen des Projektes zun\u00e4chst ein eigenes Planetary Health-Verst\u00e4ndnis entwickelt werden, um die f\u00fcr individuellen Hitzestress wichtige Quartiersebene darin zu integrieren. Auf der einen Seite h\u00e4ngt der individuelle Hitzestress von den globalen nat\u00fcrlichen Systemen ab. Auf der anderen Seite beeinflussen diese wiederum verschiedene nachgeordnete Skalen bis hinunter zur Quartiersebene und zum Individuum. Im System Stadt \u00fcberlagern sich verschiedene Skalenebenen (z.B. Stadt-Ortsteil-Quartier-Individuum), auf denen es unterschiedliche Handlungsfelder gibt, die auf jeder Ebene miteinander zusammenwirken und eine unterschiedliche Gewichtung haben. Speziell f\u00fcr Hitzestress relevant und in Anlehnung an French et al. (2021) haben wir die Handlungsfelder Soziodemographie, Mikroklima, Bebauung und Gesundheit als f\u00fcr die Quartiersebene besonders wichtige Treiber definiert. Alle enthalten sehr verschiedene Daten\/Informationen und m\u00fcssen durch unterschiedliche methodische Zug\u00e4nge (sozialwissenschaftlich, naturwissenschaftlich) erfasst werden (Abb. 1).<br \/>\nHier stellte sich die Frage, inwiefern diese Methoden miteinander verkn\u00fcpft und geeignet kommuniziert werden k\u00f6nnen, um Schl\u00fcsselfaktoren und Empfehlungen zur Reduktion von Hitzestress zielgruppenspezifisch vermitteln zu k\u00f6nnen. Aus diesem Grund haben wir, neben den 4 erw\u00e4hnten Handlungsfeldern, Kommunikation als 5. wichtigen Bereich und Schnittstelle (\u0084boundary object\u0093, siehe Helbig et al., 2023) zwischen den verschiedenen methodischen Zug\u00e4ngen identifiziert. Dies resultiert auch aus der Diskussion mit Praxispartner*innen (Arbeitskreis), in der stets darauf hingewiesen wurde, dass eine geeignete Kommunikation mit den B\u00fcrger*innen, aber auch intern, entscheidend sei, um zielgerichtete Anpassungsma\u00dfnahmen umsetzen zu k\u00f6nnen (bspw. auch Hitzeaktionspl\u00e4ne). Da das Zusammenspiel der einzelnen Handlungsfelder und die verschiedenen Methoden an ein Baukastensystem angelehnt sind, bezeichnen wir die entsprechende Schnittstelle als einen \u0084Methoden-Baukasten\u0093 (Abb. 2), der als interaktives Web-Tool konzipiert wurde und \u00f6ffentlich verf\u00fcgbar ist unter https:\/\/web.app.ufz.de\/MethBox_Hitze_Gruenau.<\/p>\n<p>Der erarbeitete interaktive Methoden-Baukasten (Abb. 2) umfasst:<\/p>\n<p>1. Stadtklimasimulationen mittels PALM-4U (beispielhaft f\u00fcr 2 Quartiere in Leipzig). Daf\u00fcr wurden verschiedene Anpassungsszenarien definiert und deren Einfluss auf die Umgebung (Temperatur, Luftfeuchte, Physiologisch \u00c4quivalente Temperatur, etc.) analysiert. (Ergebnisse siehe Kabisch et al., 2023)<\/p>\n<p>2. Erg\u00e4nzend zu den mikroklimatischen Simulationen wurde eine Attributierungsmethodik der lokalen Hitzeursachen auf die Modellergebnisse angewendet (Methodik in Hertel &#038; Schlink, 2019 beschrieben) und ebenfalls im Visualisierungstool dargestellt. Dies erm\u00f6glicht eine sehr genaue quantitative Zuordnung der jeweils verantwortlichen Ursachen zur lokalen \u00dcberw\u00e4rmung. Zus\u00e4tzlich zeigt die Analyse verschiedener Szenarien, welche Implikationen sich daraus f\u00fcr entsprechende Anpassungsma\u00dfnahmen ergeben.<\/p>\n<p>3. F\u00fcr die Bewertung der Betroffenheit vulnerabler Bev\u00f6lkerungsgruppen nutzt der Baukasten soziodemographische Daten auf Blockebene, die von der Kommunalstatistik bereitgestellt wurden. Diese Daten wurden mit den Karten der gef\u00fchlten Temperatur verschnitten und machen deutlich, an welchen Orten dringender Handlungsbedarf f\u00fcr eine Minderung von Hitzestress besteht. (Ergebnisse siehe Buchbeitrag von Hertel et al., 2024  und Kabisch et al., 2024)<\/p>\n<p>4. Quantitative und qualitative Ergebnisse aus Befragungen und Interviews mit Bewohner*innen und Expert*innen aus relevanten Stakeholdergruppen, die die subjektive Wahrnehmung von Hitzestress gruppenspezifisch ausweisen sowie eine Priorisierung von Anpassungsma\u00dfnahmen im Wohnumfeld verdeutlichen, pr\u00e4zisieren den Zugang auf der Quartiersebene. (Ergebnisse siehe Hertel et al., 2024 und Helbig et al., 2023)<\/p>\n<p>5. Zur besseren Kommunikation und Visualisierung der tats\u00e4chlichen lokalen W\u00e4rmebelastung der Bewohner*innen wurden Karten der \u0084gef\u00fchlten Temperatur\u0093 in hoher r\u00e4umlicher Aufl\u00f6sung (2m, physiologisch \u00e4quivalente Temperatur) erstellt. Die gewonnenen Simulationsergebnisse wurden mit Hilfe eines interaktiven Visualisierungstools in Kartenform f\u00fcr einen Beispieltag im Hochsommer (st\u00fcndliche Aufl\u00f6sung, 12.08.2022) zug\u00e4nglich gemacht. Diese Kartendarstellungen wurden durch 3D-Visualisierungen m\u00f6glicher Szenarien zur Hitzevermeidung erg\u00e4nzt (Kooperation mit dem BMBF-Projekt uVITAL) und in 2 Workshops mit dem Arbeitskreis zur urbanen Hitzeanpassung diskutiert (Ergebnisse siehe Helbig et al., 2023).<\/p>\n<p>\u00d6ffentlichkeitsarbeit und Pr\u00e4sentation<\/p>\n<p>Die Projektergebnisse wurden auf 8 Konferenzen, Workshops und Podiumsdiskussionen vorgestellt und in 3 wissenschaftlichen Publikationen der \u00d6ffentlichkeit zug\u00e4nglich gemacht. In zwei Interviews des Rundfunks wurde das Projekt und seine Ergebnisse besprochen. Mit den Praxispartnern fand im Visualisierungslabor des UFZ im Rahmen von zwei Arbeitskreisen ein intensiver fach\u00fcbergreifender Austausch zwischen Wissenschaftler*innen und Prasixvertretern und G\u00e4sten statt. Eine vor und nach der Veranstaltung durchgef\u00fchrte Befragung bei den Anwesenden zu ihren Erwartungen an das Arbeitskreistreffen zeigte die hohe Zufriedenheit mit den Ergebnissen. Insbesondere die Web-Applikation wurde als sehr n\u00fctzlich hervorgehoben. Eine deutliche Mehrheit konnte sich eine Anwendung im Arbeitsalltag vorstellen.<\/p>\n<p>Publikationen:<br \/>\nHelbig, C., P\u00f6\u00dfneck, J., Hertel, D., Sen, \u00d6.O. (2023): Potential of 3D visualisation and VR as boundary object for redesigning green infrastructure &#8211; a case study. In: Dutta, S., Feige, K., Rink, K., Zeckzer, D. (eds.), Proceedings of Workshop on Visualisation in Environmental Sciences (EnvirVis) (2023). The Eurographics Association, Geneva, p. 41 \u0096 49<\/p>\n<p>Kabisch, S., Schlink, U., Hertel, D., P\u00f6\u00dfneck, J. (2023): Lokalem Hitzestress im Quartier zielgenau begegnen. 3D-Stadtklimasimulationen zur Gestaltung schattiger und einladender Gr\u00fcnr\u00e4ume. Transforming Cities 3, 66 \u0096 70<\/p>\n<p>Hertel, D., P\u00f6\u00dfneck, J., Kabisch, S., Schlink, U. (2024): Hitzestress in Stadtquartieren \u0096 Methodik und empirische Belege unter Nutzung des Planetary-Health-Ansatzes. In: Kabisch, S., Rink, D., Banzhaf, E. (Hrsg.) Die resiliente Stadt : Konzepte, Konflikte, L\u00f6sungen. Springer Spektrum, Berlin, Heidelberg, S. 247 &#8211; 266<\/p>\n<p>Kabisch, S., P\u00f6\u00dfneck, J. (2024): Wenn die Existenz auf dem Spiel steht \u0096 Zum Umgang mit Krisen auf Quartiersebene am Beispiel von Gro\u00dfwohnsiedlungen. In: Kabisch, S., Rink, D., Banzhaf, E. (Hrsg.)<br \/>\nDie resiliente Stadt : Konzepte, Konflikte, L\u00f6sungen. Springer Spektrum, Berlin, Heidelberg, S. 127 &#8211; 141<\/p>\n<p>Fazit<\/p>\n<p>Das Projekt war ein neuartiges Vorhaben, das sozialwissenschaftliche Methoden (Befragungen, Auswertungen der Kommunalstatistik, etc.) mit naturwissenschaftlichen Ans\u00e4tzen (Stadtklimasimulation, thermischer Komfort etc.) kombiniert hat, um neues Wissen und Methoden zu generieren, die helfen, Hitzestress auf Quartiersebene besser und zielgerichteter zu begegnen. Als Syntheseprodukt erfolgt die Zusammenf\u00fchrung der verschiedenen methodischen Zug\u00e4nge in Form eines interaktiven \u0084Methoden-Baukastens\u0093. Dieser wurde in das Planetary Health-Konzept eingebettet, um Schl\u00fcsselfaktoren f\u00fcr eine gezielte Hitzestressreduktion auf Quartiersebene zu identifizieren.<br \/>\nZus\u00e4tzlich erm\u00f6glicht der Baukasten, zusammen mit den simulierten Szenarien verschiedener Quartiersbegr\u00fcnungen, Vorschl\u00e4ge hinsichtlich des Designs von gr\u00fcner Infrastruktur abzuleiten. \u0084Real World\u0093-Probleme erfordern solch inter- und transdisziplin\u00e4re Herangehensweisen, indem verschiedene methodische Zug\u00e4nge bereits bei der Projektkonzeption mitgedacht werden. Dies verlangt einen permanenten Austausch der einzelnen Akteure, um das verwendete Modell entsprechend zu adjustieren. Das hier vorgestellte Projekt stellt somit einen innovativen Versuch dar, diese Art wissenschaftlichen Herangehens auf komplexe Problemstellungen anzuwenden und einen Mehrwert f\u00fcr eine gezielte Hitzestressreduktion zu liefern.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zielsetzung und Anlass des Vorhabens Das Ziel des 17-monatigen Projektes war eine Operationalisierung des Planetary Health Konzeptes auf Quartiersebene, um damit einen Beitrag zur Entwicklung gesundheits- und klimaresilienter Quartiere zu leisten. Das Quartier als wichtige Interventionsebene wird auch im Umweltgutachten des Sachverst\u00e4ndigenrates f\u00fcr Umweltfragen der Bundesregierung hervorgehoben (SRU 2020, Kap.7). 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