{"id":26589,"date":"2024-11-27T10:42:12","date_gmt":"2024-11-27T09:42:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.dbu.de\/projektdatenbank\/32608-01\/"},"modified":"2024-11-27T10:42:15","modified_gmt":"2024-11-27T09:42:15","slug":"32608-01","status":"publish","type":"projektdatenbank","link":"https:\/\/www.dbu.de\/en\/projektdatenbank\/32608-01\/","title":{"rendered":"Entwicklung eines naturschutzkonformen Konzeptes zur Stechm\u00fcckenbek\u00e4mpfung am Oberrhein"},"content":{"rendered":"<p>Zielsetzung und Anlass des Vorhabens<\/p>\n<p>Seit mehr als 20 Jahren wird das Bakterium Bacillus thurinigiensis var. israelensis (Bti) regelm\u00e4\u00dfig zur<br \/>\nbiologischen Stechm\u00fcckenbek\u00e4mpfung am Oberrhein eingesetzt. Da der Oberrhein zu den artenreichsten<br \/>\nNaturlandschaften Deutschlands geh\u00f6rt und zahlreiche Naturschutzgebiete beherbergt, sind potentielle<br \/>\nEffekte auf Nicht-Zielarten und die aktuell hinterfragte Umweltvertr\u00e4glichkeit des Einsatzes von Bti<br \/>\nals sehr bedenklich einzustufen. Daher ist ein wesentliches Ziel des Projektes die direkten und indirekten<br \/>\nAuswirkungen der Stechm\u00fcckenbek\u00e4mpfung mit Bti auf die f\u00fcr die Nahrungskette essentiellen Zuckm\u00fccken<br \/>\nund Amphibien als beispielhaften M\u00fcckenpr\u00e4dator zu untersuchen. Durch die Ermittlung der Betroffenheit<br \/>\nder Bev\u00f6lkerung und deren Akzeptanz einer naturschutzkonformen Bek\u00e4mpfung (z.B. der Einsatz<br \/>\nvon Stechm\u00fcckenfallen im h\u00e4uslichen Umfeld), kann nachfolgend ein Konzept erarbeitet werden, in dem<br \/>\nder Erhalt des nationalen Naturerbes gesichert wird.<\/p>\n<p>Darstellung der Arbeitsschritte und der angewandten MethodenDas Projekt verfolgt einen interdisziplin\u00e4ren Ansatz und setzt sich im Wesentlichen aus drei \u00f6kotoxikolo gischen Studien (Laborstudien, Mesokosmenstudien, (Halb-)Freilandstudien), der Erprobung von alter nativen Fallensystemen und sozio\u00f6konomischen Bev\u00f6lkerungsumfragen zusammen. In den Laborstu dien wurde die direkte Toxizit\u00e4t von Bti gegen\u00fcber Zuckm\u00fccken (Chironomus riparius) und subletale Ef fekte (Biomarker, Entwicklung) auf Grasfroschkaulquappen (Rana temporaria) untersucht. Die Meso kosmosexperimente (2015 und 2016) untersuchten den Einfluss von Bti auf die Nahrungsgrundlagen von Molch- und Libellenlarven. Dabei analysierten wir die Ver\u00e4nderung ihrer Nahrungszusammensetzung un ter Bti-Behandlung mit Hilfe von stabilen Isotopen (?13C, ?15N) und untersuchten die damit verbundene Entwicklung, das Wachstum und die \u00dcberlebensrate von Molchlarven (Lissotriton helveticus). Der Fokus der drei (Halb-)Freilandstudien war die Untersuchung der Beeintr\u00e4chtigung von Zuckm\u00fccken bei der Stechm\u00fcckenbek\u00e4mpfung unter nat\u00fcrlichen Bedingungen auf einer Druckwasserschlute und in einem tempor\u00e4r \u00fcberfluteten Wald und einer Wiese. Parallel wurde der Einsatz von Stechm\u00fcckenfallen (Bioge nts) zur Reduktion der Bel\u00e4stigung im h\u00e4uslichen Umfeld in Berg(Pfalz) erprobt. Bei pers\u00f6nlichen Inter views innerhalb der betroffenen Bev\u00f6lkerung am Oberrhein (2016: 300 Personen, 2017: 600 Personen) wurde unter Anwendung der kontingenten Bewertungsmethode der sozio\u00f6konomischen Nutzen der Stechm\u00fcckenbek\u00e4mpfung vor dem Hintergrund potenzieller Risiken f\u00fcr die Biodiversit\u00e4t ermittelt.<\/p>\n<p>Ergebnisse und Diskussion<\/p>\n<p>Dieses Projekt lieferte den f\u00fcr die Biozid Zulassung wichtigen EC50 Wert f\u00fcr Zuckm\u00fccken Erstlarven (7 ITU\/L). Zudem werden Zuckm\u00fccken auch bei regul\u00e4r angewandten Bti Mengen im Feld von der Stech m\u00fcckenbek\u00e4mpfung beeintr\u00e4chtigt. Zuckm\u00fcckendichten wurden unabh\u00e4ngig von der Komplexit\u00e4t des Studiendesigns durch den Bti-Einsatz um mindestens 50% reduziert. Damit reagieren Zuckm\u00fccken in diesen Systemen empfindlicher auf die Bti-Behandlung als bisher in der Literatur angenommen. Zusam men mit einer 90%igen Reduktion von Stechm\u00fcckenlarven wird das Nahrungsangebot f\u00fcr aquatische sowie terrestrische R\u00e4uber in Feuchtgebieten erheblich beeintr\u00e4chtigt und k\u00f6nnte indirekte Effekte ent lang der Nahrungskette mit sich bringen. Zuckm\u00fccken stellen eine priorisierte Nahrung f\u00fcr aquatische Molchlarven dar, unabh\u00e4ngig ihrer Verf\u00fcgbarkeit. Bti Behandlung f\u00fchrte zu einem geringeren Gewicht beim Landgang (7%) und einem h\u00f6heren Risiko (27%) aufgrund von Nahrungslimitierung die Beute von Gro\u00dflibellenlarven zu werden. Ein solcher Zusammenhang kann langfristige Folgen f\u00fcr die Populations gr\u00f6\u00dfe von Amphibien haben. Obwohl der Kontakt von den in Deutschland verwendeten Bti Ausbringungsformen nicht t\u00f6dlich f\u00fcr Grasfroschkaulquappen war, zeigten sie nach Exposition subzellu lare Ver\u00e4nderungen, wie Entgiftungsaktivit\u00e4ten und oxidativen Stress. Die Regulation dieser Prozesse, kann Nachteile auf andere wichtige Lebensfunktionen haben, die sich erst in der sp\u00e4teren Entwicklung zeigen k\u00f6nnen. Die Effektivit\u00e4t der Fallen gegen\u00fcber Aedes vexans konnte aufgrund der geringen \u00dcber flutungsereignisse nicht final bewertet werden, jedoch gibt es Hinweise, dass die Fallen die \u00dcber schwemmungsm\u00fccken verringern k\u00f6nnen. Die Bev\u00f6lkerung bef\u00fcrwortet mehrheitlich eine Anpassung der Stechm\u00fcckenbek\u00e4mpfung bei der negative Effekte auf die Natur verringert werden, solange ein Schutz vor Stechm\u00fccken im h\u00e4uslichen Bereich erhalten bleibt. Der Einsatz von Fallen innerhalb von Ortschaften k\u00f6nnte in Kombination mit einer reduzierten Bti-Ausbringung in Naturschutzkernzonen eine effektive und von der Bev\u00f6lkerung akzeptierte naturschutzkonforme Methode der Bek\u00e4mpfung sein.<\/p>\n<p>\u00d6ffentlichkeitsarbeit und Pr\u00e4sentation<\/p>\n<p>In mehreren (inter)nationalen Workshops, Tagungen und Informationsveranstaltungen wurde der intensi ve Austausch mit der lokal betroffenen Bev\u00f6lkerung, Akteuren der Stechm\u00fcckenbek\u00e4mpfung, Natur sch\u00fctzern, Beh\u00f6rdenvertretern und Wissenschaftlern gesucht. Bei allen Veranstaltungen kam es zu ef fektiven Gespr\u00e4chen, die neue Aspekte zur Thematik geliefert und positiv zum Fortgang des Projektes beigetragen haben. Das mediale Interesse am Projekt war stets sehr gro\u00df, so dass etliche Zeitungsarti kel aber auch Fernsehbeitr\u00e4ge entstanden sind. Insgesamt wurde dadurch das Bewusstsein der m\u00f6gli chen negativen Auswirkungen der Stechm\u00fcckenbek\u00e4mpfung in der \u00d6ffentlichkeit deutlich gesteigert. Bisher sind sechs wissenschaftliche Publikationen in internationalen Fachzeitschriften erschienen, zwei davon innerhalb assoziierter Projekte. Ein Review Artikel wird bald fertiggestellt. Die Vortragst\u00e4tigkeit war mit sechs Vortr\u00e4gen auf wissenschaftlichen Tagungen und weiteren lokalen Vortr\u00e4gen sehr hoch.<\/p>\n<p>Fazit<\/p>\n<p>Die viel zitierte \u0084Umweltfreundlichkeit\u0093 der Stechm\u00fcckenbek\u00e4mpfung mit Bit beruht auf einer mutma\u00dflich geringen Toxizit\u00e4t gegen\u00fcber Nicht-Zielorganismen, zu der am Oberrhein bisher keine belastbaren Feld studien durchgef\u00fchrt wurden. Unsere Studien zeigen allerdings ein untersch\u00e4tztes Risiko f\u00fcr den Einsatz des Biozids Bti, da neben Stechm\u00fccken auch die Zuckm\u00fccken erheblich beeintr\u00e4chtigt werden. Das Feh len dieser Biomasse hat negative Konsequenzen f\u00fcr h\u00f6here Ebenen im Nahrungsnetz, wie z.B. auf sch\u00fctzenswerte Amphibien. Eine objektive Aufkl\u00e4rung \u00fcber die \u00dcbertragung und Ausbreitung tropischer Krankheiten erscheint dringend n\u00f6tig, vor allem in Bezug auf die Unterschiede der Bek\u00e4mpfungsstrate gie. Die Bev\u00f6lkerung ist gegen\u00fcber einer umweltvertr\u00e4glicheren Strategie aufgeschlossen, auch wenn dies eine h\u00f6here finanzielle Beteiligung auch der betroffenen Haushalte mit sich bringen w\u00fcrde. Das For schungsvorhaben gestaltete sich auf Grund seiner politischen Brisanz in seiner Durchf\u00fchrung zuweilen als sehr schwierig. Aus unserer Sicht m\u00fcssen daher zuk\u00fcnftige Untersuchungen von der Politik unter st\u00fctzt und von unabh\u00e4ngiger Seite durchgef\u00fchrt werden. F\u00fcr ein naturschutzkonformes Konzept zur Stechm\u00fcckenbek\u00e4mpfung am Oberrhein schlagen wir vor, den vermehrten Einsatz von lokalen Fallen systemen im h\u00e4uslichen Bereich zu pr\u00fcfen und die Stechm\u00fcckenbek\u00e4mpfung vor allem in Naturschutz gebieten zu reduzieren oder gar vollst\u00e4ndig einzustellen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zielsetzung und Anlass des Vorhabens Seit mehr als 20 Jahren wird das Bakterium Bacillus thurinigiensis var. israelensis (Bti) regelm\u00e4\u00dfig zur biologischen Stechm\u00fcckenbek\u00e4mpfung am Oberrhein eingesetzt. Da der Oberrhein zu den artenreichsten Naturlandschaften Deutschlands geh\u00f6rt und zahlreiche Naturschutzgebiete beherbergt, sind potentielle Effekte auf Nicht-Zielarten und die aktuell hinterfragte Umweltvertr\u00e4glichkeit des Einsatzes von Bti als sehr bedenklich [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":0,"featured_media":0,"template":"","meta":{"footnotes":""},"categories":[],"tags":[2422,50,51,66,53],"class_list":["post-26589","projektdatenbank","type-projektdatenbank","status-publish","hentry","tag-landnutzung","tag-naturschutz","tag-ressourcenschonung","tag-rheinland-pfalz","tag-umwelttechnik"],"meta_box":{"dbu_projektdatenbank_az_ges":"32608\/01","dbu_projektdatenbank_medien":"","dbu_projektdatenbank_pdfdatei":"","dbu_projektdatenbank_bsumme":"124.579,00","dbu_projektdatenbank_firma":"Rheinland-Pf\u00e4lzische Technische Universit\u00e4t \nKaiserslautern-Landau (RPTU)\nInstitut f\u00fcr Umweltwissenschaften","dbu_projektdatenbank_strasse":"Fortstr. 7","dbu_projektdatenbank_plz_str":"76829","dbu_projektdatenbank_ort_str":"Landau","dbu_projektdatenbank_p_von":"2015-01-01 00:00:00","dbu_projektdatenbank_p_bis":"2019-04-30 00:00:00","dbu_projektdatenbank_laufzeit":"4 Jahre und 4 Monate","dbu_projektdatenbank_telefon":"06341\/280-31310","dbu_projektdatenbank_inet":"www.uni-landau.de\/umwelt\/bruehl.html","dbu_projektdatenbank_bundesland":"Rheinland-Pfalz","dbu_projektdatenbank_foerderber":"126","dbu_projektdatenbank_ab_bericht":"DBU-Abschlussbericht-AZ-32608_01-Hauptbericht.pdf","dbu_projektdatenbank_ist_nachbewilligung_von":"","dbu_projektdatenbank_hat_nachbewilligung":"","dbu_headerimage_cover":"","dbu_submenu":"","dbu_submenu_position":"","dbu_submenu_entry":[]},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.dbu.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/projektdatenbank\/26589","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.dbu.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/projektdatenbank"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.dbu.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/projektdatenbank"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.dbu.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/projektdatenbank\/26589\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":39592,"href":"https:\/\/www.dbu.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/projektdatenbank\/26589\/revisions\/39592"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.dbu.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=26589"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dbu.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=26589"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dbu.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=26589"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}