{"id":24325,"date":"2023-09-30T10:32:10","date_gmt":"2023-09-30T08:32:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.dbu.de\/projektdatenbank\/24522-01\/"},"modified":"2023-09-30T10:32:12","modified_gmt":"2023-09-30T08:32:12","slug":"24522-01","status":"publish","type":"projektdatenbank","link":"https:\/\/www.dbu.de\/en\/projektdatenbank\/24522-01\/","title":{"rendered":"Modellhafte Bestandserhaltung stark anthropogen umweltgesch\u00e4digter sp\u00e4tmittelalterlicher Au\u00dfenwandmalereien an der Kirche St. Nicolai in Jena-Lichtenhain"},"content":{"rendered":"<p>Zielsetzung und Anlass des Vorhabens<\/p>\n<p>An einer Au\u00dfenwand der Dorfkirche St. Nikolaus in Jena-Lichtenhain ist zwischen zwei Strebepfeilern eine Wandmalerei mit Darstellungen von Szenen des Alten und Neuen Testamentes erhalten und droht unwiederbringlich zu zerfallen. Der Bestand einer sp\u00e4tmittelalterlichen vorreformatorischen Wandmalerei im Au\u00dfenraum stellt f\u00fcr den mitteldeutschen Raum ein Ph\u00e4nomen dar und gilt als einmalig. Der Malereizyklus, dessen Singularit\u00e4t den Einwohnern Lichtenhains wohl bekannt ist, spielt bei der Identit\u00e4tsbildung des Ortes eine herausragende Rolle.<br \/>\nZiel des Projektes ist es, objektbezogene und umweltvertr\u00e4gliche Methoden zur dauerhaften Sicherung dieser im mitteldeutschen Raum kunsthistorischen Einzigartigkeit zu erarbeiten und zu dokumentieren, um die Bedeutung dieses wertvollen Kulturgutes st\u00e4rker in das Bewusstsein der \u00d6ffentlichkeit zu r\u00fccken.<\/p>\n<p>Darstellung der Arbeitsschritte und der angewandten MethodenAktive, anthropogen verursachte Schadensprozesse bedrohen den Bestand der Wandmalerei. Hohe Schadstoffgehalte der Luft haben zur Umwandlung der Bindemittel von Putzm\u00f6rtel und Malschicht als auch zu Verformungen der Putzoberfl\u00e4che mit Malschicht gef\u00fchrt. Die in den 1970er Jahren durchgef\u00fchrte Konservierung f\u00fchrte zur \u00dcberfestigung und Verkrustung der Oberfl\u00e4che.<br \/>\nDas Finden einer Konservierungstechnologie zum Erhalt der Wandmalerei stellt die Experten vor eine hohe Herausforderung. Die Komplexit\u00e4t der erforderlichen Untersuchungen \u00fcbersteigt das sonst \u00fcbliche Ma\u00df bei Weitem. Das Gesamtprojekt setzt modellhaft die interdisziplin\u00e4re Zusammenarbeit verschiedener Wissenschaftszweige der Naturwissenschaften, der angewandten Wissenschaften und der Geisteswissenschaften voraus.<br \/>\nDas Projekt verfolgt den naturwissenschaftlichen Anspruch, objektbezogene Methoden zur dauerhaften Sicherung des Bestandes zu erarbeiten. Basierend auf fotografischen Vorzustandsaufnahmen wurde der Bestand fotografisch-ma\u00dfst\u00e4blich kartiert, materialtechnisch untersucht und bewertet. Es folgten Unter-suchungen zum historischen Malschichtaufbau, zu Pigmenten und Bindemitteln, zur Salzbelastung der Malerei und ihres Umfeldes, Klimadaten wurden erfasst und Recherchen zur Schadstoffbelastung aus der Luft durchgef\u00fchrt. Erg\u00e4nzend zur manuellen Hohlstellendetektion wurde das Infrarot-Thermografieverfahren getestet und ausgewertet.<\/p>\n<p>Ergebnisse und Diskussion<\/p>\n<p>Im Ergebnis der Voruntersuchungen zur Bestandserfassung wird dokumentiert, dass der zur Malerei geh\u00f6rige Wandverputz zu ca. 75 % erhalten ist, ca. 68% dieses Bestandes sind schadhaft. Der Verputz ist fl\u00e4chenhaft von der Wand abgel\u00f6st und hohl liegend. Das Putzgef\u00fcge ist durch zahlreiche Risssysteme gest\u00f6rt. Eine ca. 2-3 mm starke Putzschicht hat sich innerhalb des Verputzes gel\u00f6st und aufgew\u00f6lbt. Auf dem Putz liegt die Grundierung, die lokal vergipst ist. Die darauf folgende, von Kunstharz durchzogene Malschicht ist fast vollst\u00e4ndig vom Untergrund abgehoben. Zwischen Malschicht und Grundierung ist eine d\u00fcnne, lose mit kleinen Gipskristallen gef\u00fcllte Zwischenschicht erkennbar. Gips liegt teils auf der Malschicht, teils zwischen Malschicht und Grundierung als auch in der obersten Schicht des Putzes.<br \/>\nWeiterhin rufen Feuchtigkeit und Alterung Volumen\u00e4nderungen in den Gips- und Kunstharzhorizonten hervor, die fortlaufende Schichtenabl\u00f6sung und Hohlstellenbildung ausl\u00f6sen.<br \/>\n\u00dcber die gesamte Zeitdauer des Projektes erfolgten Untersuchungen zum Nahfeldklima. Messungen wurden unter offenem Vordach und unter Bedingungen einer Einhausung mit und ohne Hinterl\u00fcftung durchgef\u00fchrt. Nach Errichtung einer provisorischen Einhausung konnte die d\u00e4mpfende Wirkung der massiven Kirchenwand und der Einfluss einer Klimakonditionierung auf das Nahfeldklima &#8211; f\u00fcr den Fall einer sp\u00e4teren Einhausung &#8211; nachgewiesen werden.<br \/>\nDie abgel\u00f6sten, hohl liegenden, harten und verspr\u00f6deten Fassungen, Grundierungen und Putzschichten des Wandbildes m\u00fcssen vor der Ausf\u00fchrung schadstoffmindernder und konservatorischer Ma\u00dfnahmen mittels geeigneter Festigungsverfahren stabilisiert und wieder miteinander verbunden werden. Bis dato stehen hierzu keine Verfahren zur Herstellung von substanzschonenden Bohrungen zur Verf\u00fcgung. Dieses Defizit f\u00fchrte innerhalb des Projektes zur Planung eines neuen Laserstrahlbohrverfahrens. Nach erfolgreicher Auswertung der Laborversuche wurde eine Verfahrenstechnologie zur Anwendung vor Ort weiter entwickelt. Im Ergebnis wird dargelegt, dass mittels Laserstrahlbohren geeignete Bohrl\u00f6cher mit kleinsten Durchmessern substanzschonend hergestellt werden k\u00f6nnen, durch die sich noch Injektionsmaterialien injizieren lassen. Eine partielle Anbindung der Malschicht an den Untergrund konnte mittels rasterelektronenmikroskopischen Untersuchungen nachgewiesen werden. Die haptischen Proben vor Ort belegen f\u00fcr die hinterf\u00fcllten Bereiche erh\u00f6hte Stabilit\u00e4t. Das Verfahren stellt einen neuen L\u00f6sungsansatz f\u00fcr einen erforderlichen Zwischenschritt der Gesamtma\u00dfnahme dar.<br \/>\nDie in den 1970er Jahren eingebrachten Konservierungsmittel f\u00fchren zu einer Erh\u00f6hung des Sch\u00e4digungspotentials. Ein Schwerpunkt des Projektes ist die Erprobung von konservatorischen Verfahren zur Reduzierung der eingebrachten Kunststoffe. Die Untersuchungsergebnisse belegen eine tiefenwirksame Reduzierung der eingebrachten Kunststoffe mittels Niederdruckverfahren. Allerdings wurden durch die Bearbeitung stark pudernde Oberfl\u00e4chen mit massiven Materialverlusten generiert.<br \/>\nDie R\u00fcckverwandlung von Gips in Calciumcarbonat wurde am Objekt mit Ionenaustauschharzen, mit Bariumhydroxidl\u00f6sung und mit Ammoniumkarbonatl\u00f6sung untersucht. Die Auswertung belegt, dass eine Salzumwandlung mittels Austauschharzen nicht ausreicht. Die Gipsumwandlung mittels Bariumhydroxidl\u00f6sung hinterl\u00e4sst eine starke \u00e4sthetische Beeintr\u00e4chtigung des Bildwerkes infolge der wei\u00dfen R\u00fcckst\u00e4nde und der hohen Malschichtverluste, die Oberfl\u00e4che ist nach der Behandlung extrem fragil. Im Gegensatz dazu wirkt die Umwandlung von Gips in Calcit mittels Ammoniumkarbonatl\u00f6sung sehr effektiv. Die neu gebildete Calcitschicht ist por\u00f6s, in Teilbereichen ist jedoch ein kompaktes Mikrogef\u00fcge erkennbar. Rein haptisch wirkt die neu gebildete Calcitschicht hinreichend stabil.<\/p>\n<p>\u00d6ffentlichkeitsarbeit und Pr\u00e4sentation<\/p>\n<p>Das Projekt wurde mehrfach in der \u00f6rtlichen Presse und im Regionalfunk vorgestellt. Das Abschlusskolloquium fand am 30. M\u00e4rz 2011 in Jena statt. Weitere Ver\u00f6ffentlichungen sind in den Schriftenreihen des Th\u00fcringer Landesamtes f\u00fcr Denkmalpflege und Arch\u00e4ologie geplant.<br \/>\n\u00c4hnliche Probleme bez\u00fcglich Schadstoffbelastung, ungeeigneter Altkonservierungen oder fortschreitender Untergrundabl\u00f6sungen treten auch an anderen Objekten auf, allerdings nicht in Kombination mit einer derartigen klimatischen und umweltgesch\u00e4digten Schadstoffkonzentration und Beanspruchung. Daher sind Fachver\u00f6ffentlichungen &#8211; auch f\u00fcr ein weiteres Monitoring &#8211; anzustreben. Das neu entwickelte Verfahren zur Hohlraumfestigung mittels Laserbohren sollte unbedingt weiter entwickelt werden.<\/p>\n<p>Fazit<\/p>\n<p>Mit gegenw\u00e4rtigen wissenschaftlich &#8211; technischen Erkenntnissen kann mit keiner der erprobten Methoden alleine ein hinreichender Konservierungserfolg der stark anthropogen umweltgesch\u00e4digten Au\u00dfenwandmalereien in Jena-Lichtenhain erreicht werden. Daher bekommt die raumklimatische Stabilisierung mittels Einhausung und gesteuerter Klimatisierung Priorit\u00e4t. Zukunftsweisend sind die im Projekt vorgestellten modellhaften Entwicklungen des Laserstrahlbohrverfahrens zur substanzschonenden Hohlrauminjektage und des Niederdruckverfahrens zur Reduzierung eingebrachter Kunststoffe.<br \/>\nF\u00fcr die n\u00e4chsten Jahre ist ein Monitoring erforderlich, um den Erfolg der klimatischen Stabilisierung zu bewerten und eine Konservierung mit neuen bzw. weiter entwickelten Technologien anzustreben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zielsetzung und Anlass des Vorhabens An einer Au\u00dfenwand der Dorfkirche St. Nikolaus in Jena-Lichtenhain ist zwischen zwei Strebepfeilern eine Wandmalerei mit Darstellungen von Szenen des Alten und Neuen Testamentes erhalten und droht unwiederbringlich zu zerfallen. Der Bestand einer sp\u00e4tmittelalterlichen vorreformatorischen Wandmalerei im Au\u00dfenraum stellt f\u00fcr den mitteldeutschen Raum ein Ph\u00e4nomen dar und gilt als einmalig. 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