{"id":23740,"date":"2025-04-10T10:32:16","date_gmt":"2025-04-10T08:32:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.dbu.de\/projektdatenbank\/22538-01\/"},"modified":"2025-04-10T10:32:18","modified_gmt":"2025-04-10T08:32:18","slug":"22538-01","status":"publish","type":"projektdatenbank","link":"https:\/\/www.dbu.de\/en\/projektdatenbank\/22538-01\/","title":{"rendered":"Entwicklung eines Leitfadens f\u00fcr die Sanierung von Natursteinmauerwerk bei Ber\u00fccksichtigung der Belange des Naturschutzes (inklusive Umsetzung)"},"content":{"rendered":"<p>Zielsetzung und Anlass des Vorhabens<\/p>\n<p>Mauern historischer Bauwerke haben aus naturschutzfachlicher wie denkmalsch\u00fctzerischer Sicht eine gro\u00dfe Bedeutung. F\u00fcr beide Fachbereiche besteht ein besonderes Interesse am Erhalt eines \u00fcber lange Zeitr\u00e4ume gereiften Lebensraumes bzw. eines historisch bedeutsamen Geb\u00e4udes. Ziel des Projektes ist es, Wertigkeit sowie Auswirkung von Flora und Fauna an ausgesuchten Sandstein- bzw. Kalksteinbur-gen Nordbayerns zu analysieren und die daraus resultierenden Erkenntnisse und Empfehlungen in Form eines Anwenderleitfadens zu ver\u00f6ffentlichen.<\/p>\n<p>Darstellung der Arbeitsschritte und der angewandten MethodenZu Projektbeginn wurden die im Jahr 2001 an der Festung Rosenberg (Sandsteinmauerwerk) bei Kronach angelegten Musterfl\u00e4chen hinsichtlich ihres Arteninventars und ihrer Schadenscharakteristik nachuntersucht. Die Erkenntnisse dieses Langzeitversuchs bildeten die Basis f\u00fcr die methodische Vorge-hensweise an den Vergleichsobjekten aus Sand- bzw. Kalkstein. Folgende oberfr\u00e4nkische Burganlagen wurden ausgew\u00e4hlt: Giechburg (Sand-\/ Kalkstein) bei Sche\u00dflitz, Burg Waischenfeld (Kalkstein), Burg Rabenstein (Kalkstein) bei Kirchahorn und Burg Rabeneck (Kalkstein) bei Eichenbirkig.<br \/>\nZur Einteilung der Gesteine in Faziestypen sowie zur Charakterisierung des Eindringverhaltens von Flechten und Moosen in das Gesteinssubstrat wurden Schliffpr\u00e4parate angefertigt. Ferner wurde die Materialinhomogenit\u00e4t an Gesteinsoberfl\u00e4chen mit einem Bohrh\u00e4rtepr\u00fcfger\u00e4t ermittelt. Um zu kl\u00e4ren, in-wieweit typische, an den Mauern der Giechburg vorkommende, Sch\u00e4den variet\u00e4ten- und\/oder expositionsabh\u00e4ngig auftreten, wurden an unterschiedlich exponierten Probefl\u00e4chen an den Au\u00dfenmauern lithologische Kartierungen und Schadenskartierungen durchgef\u00fchrt.<br \/>\nDer Einfluss von Gef\u00e4\u00dfpflanzen auf das Mauerwerk wurde durch das Eindringverhalten der Wurzeln beschrieben und anhand von Literaturrecherchen \u00fcber physikalischen Wurzelparameter, N\u00e4hrstoff- und Wasserbedarf quantifiziert und charakterisiert. Zus\u00e4tzlich wurden Wechselwirkungen zwischen Flora, Fauna und Mauern \u00fcber den Fang bzw. das Sammeln von Wirbellosen ermittelt. Auch wurde von den Bearbeitern vor Ort besonders auf das Vorkommen seltener und gesch\u00fctzter Tiere z.B. Schlingnatter (Coronella austriaca) geachtet. In dieses Vorhaben wurden folglich Vertreter sehr unterschiedlicher Dis-ziplinen integriert um zu einer Gesamtschau der Bedeutung historischer Geb\u00e4ude zu gelangen.<\/p>\n<p>Ergebnisse und Diskussion<\/p>\n<p>Kalk- und Sandsteinburgen unterscheiden sich sowohl \u00f6kologisch als auch baulich deutlich sowohl in ihren physikalischen wie auch in ihren chemischen Eigenschaften. Innerhalb der beiden Materialien ist beim Kalkstein die Fazies, beim Sandstein die Art des Bindemittels (silikatisch bis tonig) f\u00fcr deren Reaktivit\u00e4t und physikalische Eigenschaften verantwortlich. D\u00fcnnschliffe lassen erkennen, dass Sandstein eine Matrix bietet, die tiefer und dichter besiedelt wird als Kalkstein. W\u00e4hrend der Kalkstein abh\u00e4ngig von seiner Dichte und Fazies einen geringen Porenraum bietet (weder zum Einwachsen von pflanzlichem Material noch zum Speichern von Feuchte), ist der Sandstein mit seiner mehr oder weniger offenporigen Matrix ein guter Feuchtespeicher und leicht von Flechten oder Moosen zu bewachsen. Flechten bewirken im Bereich ihres Aufwachsens eine verminderte Wasseraufnahme und sch\u00fctzen somit die Ge-steinsoberfl\u00e4che. Auch unter Moosdecken ist die Steinoberfl\u00e4che besser erhalten als auf unbewachsenen Vergleichsfl\u00e4chen. Moose und Flechten f\u00f6rdern daher die Konservierung des historischen Baumate-rials besser als herk\u00f6mmlich Verfahren (Oberfl\u00e4chenreinigung, Hydrophobierung), da diese oft mit Materialverlust verbunden sind.<br \/>\nAn den untersuchten Mauern ausgew\u00e4hlter Baudenkm\u00e4ler konnten 96 gef\u00e4hrdete Tier- und Pflanzenar-ten festgestellt werden. Den h\u00f6chsten Anteil an gef\u00e4hrdeten Arten nehmen dabei Hautfl\u00fcgler (Bienen, Wespen, Ameisen) gefolgt von Spinnentieren und Schnecken ein. Bemerkenswert war der Nachweis einer Grabwespe (Spilomena puctatissima) an der Burg Waischenfeld, die bisher f\u00fcr Bayern noch nicht bekannt war. Auch bei den Spinnen gelangen Nachweise von Arten, die bundesweit vom Aussterben bedroht sind oder von denen weltweit nur wenige Funde bekannt sind (Echemus angustifrons, Trichoncus simoni). Dies belegt den hohen Wert von Mauern f\u00fcr den Naturschutz. Pflanzenarten der Roten Liste waren an den Mauern dagegen nur sehr wenige vorhanden.<br \/>\nOffene Mauerfugen bieten Gef\u00e4\u00dfpflanzen, Moosen und Flechten gleicherma\u00dfen Lebensraum. An den Mauern mit geschlossenen Fugen der Giechburg und Burg Waischenfeld konnten sich \u00fcberwiegend nur Flechten ansiedeln. Um eine m\u00f6glichst mauertypische Insekten-, Spinnen- und Schneckenfauna zu f\u00f6r-dern, sollten die Verfugungen so gestaltet sein, dass sie die Stabilit\u00e4t der Mauern gew\u00e4hrleisten und dabei m\u00f6glichst viele offene Spalten erhalten bleiben. Die Wurzeln von Kr\u00e4utern und Gr\u00e4sern verursachen keine Sch\u00e4den im intakten Gestein. Geh\u00f6lze sollten dagegen grunds\u00e4tzlich aus der Mauer entfernt wer-den, da ihr Dickenwachstum den Mauerverbund sch\u00e4digt. Der im Boden wurzelnde Efeu stellt keine ernsthafte Gefahr f\u00fcr das Natursteinmauerwerk dar.<br \/>\nTraditionelle Sanierungstechniken (fl\u00e4chige Verfugung, Beseitigung von Steinausbr\u00fcchen oder L\u00fccken) waren oft mit dem v\u00f6lligen Verlust der Lebensraumqualit\u00e4t von Pflanzen und Tieren verbunden. An der Festung Rosenberg wurden daher unterschiedlich sanierte Mauerabschnitte hinsichtlich des floristischen und faunistischen Arteninventars untersucht. Der Vergleich von konventionellen und naturvertr\u00e4glichen Sanierungstechniken zeigte, dass deutlich mehr Arten und Individuen an den naturvertr\u00e4glich sanierten Mauerabschnitten der Festung Rosenberg vorkommen. Eine st\u00e4rkere Sch\u00e4digung des Gesteins und der Fugen wurden bei naturvertr\u00e4glich sanierten Mauerfl\u00e4chen nicht festgestellt wie eine Schadenskartierung vor und nach der Sanierung (2000 bzw. 2007) dokumentiert. Eine mechanische oder chemische Oberfl\u00e4chenreinigung erwies sich als nicht nachhaltig, da die Maueroberfl\u00e4chen innerhalb weniger Jahre wieder mit Flechten, Moose und Algen bewachsen waren. Auch von den Kosten her erwies sich die na-turvertr\u00e4gliche Sanierung als die g\u00fcnstigste.<\/p>\n<p>\u00d6ffentlichkeitsarbeit und Pr\u00e4sentation<\/p>\n<p>Die Ergebnisse des Projektes wurden im Rahmen von zwei Seminaren (mit anschlie\u00dfender Exkursion) am 31.07.2007 und vom 21. bis 22.4.2008 auf Burg Rosenberg und Burg Rabenstein vorgestellt. Bei zwei Pressekonferenzen wurden Zwischenergebnisse des Projektes und der Leitfaden zur naturvertr\u00e4glichen Sanierung pr\u00e4sentiert. Der Leitfaden wurde an Naturschutz- und Denkmalschutzbeh\u00f6rden der L\u00e4nder versandt. Das Projekt wurde in einem Vortrag und durch eine Installation auch auf der COP9 Tagung zur Biodiversit\u00e4tskonvention 2008 in Bonn pr\u00e4sentiert.<\/p>\n<p>Fazit<\/p>\n<p>Eine naturvertr\u00e4gliche Restaurierung von historischen Geb\u00e4uden hat positive Auswirkungen sowohl auf die biologische Vielfalt als auch auf die Erhaltung des kulturellen Erbes! Viele Moose, Flechten und eini-ge h\u00f6here Pflanzen sch\u00e4digen die Substanz alter Geb\u00e4ude nicht, sondern sch\u00fctzen die Oberfl\u00e4chen des Mauerwerks auf nat\u00fcrliche Weise vor Wetterextremen, wirken temperaturausgleichend und sind was-serabweisend. Nur Geh\u00f6lze, die in Rissen und Spalten wurzeln, m\u00fcssen entfernt werden, da sie zu Geb\u00e4udesch\u00e4den f\u00fchren k\u00f6nnen. Je reicher und vielf\u00e4ltiger eine Natursteinmauer strukturiert ist, desto mehr Tier- und Pflanzenarten kann sie Lebensraum und Nahrung bieten. Eine naturvertr\u00e4gliche Restaurierung ist kosteng\u00fcnstiger als eine konventionelle Sanierung, erfordert aber eine dauerhafte Pflege in Abstand von einigen Jahren, um z.B. Geh\u00f6lze aus der Mauer zu entfernen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zielsetzung und Anlass des Vorhabens Mauern historischer Bauwerke haben aus naturschutzfachlicher wie denkmalsch\u00fctzerischer Sicht eine gro\u00dfe Bedeutung. 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