{"id":23595,"date":"2023-09-24T10:32:05","date_gmt":"2023-09-24T08:32:05","guid":{"rendered":"https:\/\/www.dbu.de\/projektdatenbank\/22116-01\/"},"modified":"2023-09-24T10:32:07","modified_gmt":"2023-09-24T08:32:07","slug":"22116-01","status":"publish","type":"projektdatenbank","link":"https:\/\/www.dbu.de\/en\/projektdatenbank\/22116-01\/","title":{"rendered":"Sanierung durch Rauchgas- und Nitratemissionen gesch\u00e4digter Wandmalereien in der Marienkirche zu Bergen auf R\u00fcgen"},"content":{"rendered":"<p>Zielsetzung und Anlass des Vorhabens<\/p>\n<p>Der sp\u00e4tromanische Wandmalereizyklus in St. Marien Bergen ist ein international bedeutendes Kunstdenkmal. Schweflige Rauchgasemissionen und mutma\u00dfliche D\u00fcngemitteldepositionen haben zu hochgradigen Gips- und Nitratbelastungen gef\u00fchrt, die unter den regionalen Klimabedingungen einen zunehmend beschleunigten Verfall der Malereien hervorrufen. Zur Rettung des mit ca. 560m\u00b2 enormen Bestandes sind unverz\u00fcgliche und hocheffiziente Ma\u00dfnahmen erforderlich. Einschl\u00e4gige Forschungsergebnisse und praxiserprobte Techniken sind nur bedingt auf die vorliegende Problemstellung \u00fcbertragbar: Aufgrund der \u00dcberlagerung der vergipsten Malschicht durch eine por\u00f6se Gipskruste war bei der Anwendung chemischer Gipsbehandlungsmethoden mit irreversiblen Verschleierungen der Malerei zu rechnen. Zus\u00e4tzliche Kontraindikationen bestehen durch die Chemikalienempfindlichkeit mittelalterlicher Pigmente. Die Nitratbelastung kann bei der Anwendung alkalischer Methoden zu Pigmentverschw\u00e4rzungen und beim Einsatz von Bariumhydroxid zu irreversiblen Verschleierungen und Gef\u00fcgesch\u00e4den f\u00fchren.  Aufgrund der Fragilit\u00e4t der Malschicht und der enormen Wasseraufnahmekoeffizienten des mittelalterlichen Backsteinmauerwerks waren Schwierigkeiten bei der Kompressenextraktion der Nitrate und der Reaktionsprodukte chemischer Gipsbehandlungen zu erwarten. Ziel des Projektes war deshalb die Erarbeitung und Erprobung einer modellhaften und nachhaltigen Konservierungskonzeption f\u00fcr gro\u00dffl\u00e4chig rauchgas- und nitratgesch\u00e4digte Raumfassungen im ostseetypischen Wechselklima.<\/p>\n<p>Darstellung der Arbeitsschritte und der angewandten MethodenAls Voraussetzung f\u00fcr chemische Gipsbehandlungen wurden eingef\u00fchrte Kompressenrezepturen hinsichtlich der Anwendbarkeit auf fragilen Malereien, sowie der Funktion bei Schutzkaschierungen und stark saugenden Untergr\u00fcnden optimiert. Daneben erfolgten Pilotversuche zur Entfernung aufliegender<br \/>\nGipsschleier durch simultan gesteuerte Laserablation.  Eingef\u00fchrte Gipsbehandlungstechnologien wurden in Kombination mit Vorfestigungsvarianten auf hochfragile Konglomerate aus por\u00f6sen Gipskrusten und entfestigten Malschichten angepa\u00dft. Vor Ort durch die Restauratoren ausgef\u00fchrte Arbeitspakete wurden vom Projektpartner MPA Bremen analytisch \u00fcberwacht und periodisch durch den wissenschaftlichen Fachbeirat evaluiert. Die Schadenspotentiale der wegen Verfahrensgrenzen partiell in der Malerei verbleibenden Gipse werden durch ein selbstregelndes Klimamanagement passiviert.<\/p>\n<p>Ergebnisse und Diskussion<\/p>\n<p>Die Entfernung aufliegender Gipsschleier mit handgef\u00fchrten Festk\u00f6rperreinigungslasern ist problematisch, da die defokussierte Strahlung auf die Malschicht durchdringt, deren Sch\u00e4digungsschwelle in der Regel deutlich unter der Abtragsschwelle der Schleier liegt. Prinzipiell w\u00e4re der Einsatz pr\u00e4zise fokussierter, anhand von 3D-Scans gef\u00fchrter Faserlaser denkbar. Zustellgenauigkeit und fl\u00e4chige Aufl\u00f6sung verf\u00fcgbarer Lasersysteme erm\u00f6glichen bisher jedoch keine ausreichend sichere Reproduktion der Topographie einer Wandmalereioberfl\u00e4che.<br \/>\nDie chemische Entfernung der aufliegenden Gipsschleier, wie auch der Vergipsung der Malschicht ist prinzipiell mit der Ammoniumkarbonatmethode, sowie mit carbonatgeladenen Ionenaustauscherharzen m\u00f6glich. Die Wirksamkeit beider Gipsumwandlungsverfahren ist jeweils stark von der Morphologie des Schadens und den maltechnischen Parametern abh\u00e4ngig. Hier konnte keine Systematik herausgearbeitet werden, vielmehr mu\u00df in kleinstem Ma\u00dfstab, beispielsweise an Konturen der Malerei, mit Umschl\u00e4gen gerechnet werden. Die f\u00fcr die jeweilige Malereipartie sinnvollste Behandlungsmethode kann deshalb nur vorab durch Handproben ermittelt werden. Dabei ist der gesamte Konservierungsproze\u00df zu betrachten, da beispielsweise die Applikation von Entsalzungskompressen im Anschlu\u00df an eine Gipsbehandlung schon bei der Vorfestigung vorbereitet werden mu\u00df.<br \/>\nDurch Gipsumwandlung mit carbonatgeladenen Ionenaustauscherharzen k\u00f6nnen die Gipsschleier weitgehend reduziert und somit die Ablesbarkeit der Malerei wiederhergestellt werden. Mit der Ammoniumkarbonatmethode w\u00e4re sogar eine vollst\u00e4ndige und nahezu r\u00fcckstandsfreie Reduzierung der Gipsbelastung m\u00f6glich. Wegen des Risikos von Pigment- und sonstigen Farbver\u00e4nderungen sollte die Methode jedoch auf mittelelterlichem Malereibestand gar nicht und auf Erg\u00e4nzungen aus dem 19. Jahrhundert nur dort angewendet werden, wo mit Ionenaustauschern kein optisch befriedigender oder ausreichend stabiler Zustand erreicht werden kann.<br \/>\nDie an der Putzoberfl\u00e4che konzentrierten hygroskopischen Salze haben bislang augenscheinlich das Schadenspotential der Gipsbelastung herabgesetzt, vermutlich durch die Pufferung von Luftfeuchteschwankungen an der Malereioberfl\u00e4che. Eine Entsalzung kann hier kontraproduktiv sein.<\/p>\n<p>Das f\u00fcr die Rasterfeuchtemessung am Malgrund eingesetzte Mikrowellenme\u00dfsystem eignet sich aufgrund seiner in die Tiefe stark abnehmenden Empfindlichkeit f\u00fcr die Visualisierung der fl\u00e4chigen Verteilung hochhygroskopischer Salze.<br \/>\nEine f\u00fcr die Materialfeuchteanalyse mittelalterlicher Backsteinmauerwerke getestete kapazitive Tiefensonde bietet gegen\u00fcber der etablierten gravimetrischen Analyse an Materialproben eine h\u00f6here Me\u00dfgenauigkeit und die beliebige Wiederholbarkeit der Messungen ohne neue Eingriffe in das Bauwerk.<\/p>\n<p>\u00d6ffentlichkeitsarbeit und Pr\u00e4sentation<\/p>\n<p>Nach Abschlu\u00df des parallel laufenden DBU-Forschungsprojektes AZ 23375-45 Sanierung des Gr\u00fcnalgenbefalls an der Kirche Poseritz werden die Projektergebnisse in einem gemeinsamen \u00f6ffentlichen Projektkolloquium vorgestellt. Der Abschlu\u00dfbericht wird \u00fcber die Online-Datenbank hericare des Hornemann-Instituts der Fakult\u00e4t Erhaltung von Kulturgut der HAWK Hochschule f\u00fcr angewandte Wissenschaft und Kunst, Fachhochschule Hildesheim\/Holzminden\/G\u00f6ttingen \u00f6ffentlich zug\u00e4nglich gemacht.<\/p>\n<p>Fazit<\/p>\n<p>Die Vorgehensweise bei der Erarbeitung der Projektziele hat sich bew\u00e4hrt, \u00c4nderungen der Zielsetzung sind bei gleichbleibenden Rahmenbedingungen aus derzeitiger Sicht nicht erforderlich.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zielsetzung und Anlass des Vorhabens Der sp\u00e4tromanische Wandmalereizyklus in St. Marien Bergen ist ein international bedeutendes Kunstdenkmal. Schweflige Rauchgasemissionen und mutma\u00dfliche D\u00fcngemitteldepositionen haben zu hochgradigen Gips- und Nitratbelastungen gef\u00fchrt, die unter den regionalen Klimabedingungen einen zunehmend beschleunigten Verfall der Malereien hervorrufen. 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