{"id":21101,"date":"2023-07-13T15:19:21","date_gmt":"2023-07-13T13:19:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.dbu.de\/projektdatenbank\/15824-01\/"},"modified":"2023-07-13T15:19:22","modified_gmt":"2023-07-13T13:19:22","slug":"15824-01","status":"publish","type":"projektdatenbank","link":"https:\/\/www.dbu.de\/en\/projektdatenbank\/15824-01\/","title":{"rendered":"Modellhafte Musterrestaurierung zweier national wertvoller mittelalterlicher Glasfenster im Chor des Domes zu Erfurt (Th\u00fcringen)"},"content":{"rendered":"<p>Zielsetzung und Anlass des Vorhabens<\/p>\n<p>Restaurierung und Konservierung von stark umweltgesch\u00e4digten Glasmalereien zweier mittelalterlicher Fenster (s\u00fcd VI und s\u00fcd IV) des Erfurter Domes. Ziel des Vorhabens war die fachgerechte Bearbeitung des Bestandes (Schwerpunkte: Ausd\u00fcnnung der stark transparenzmindernden Wettersteinschicht und Malschichtfestigung) mit \u00dcberf\u00fchrung zahlreicher theoretischer Untersuchungsergebnisse in die Praxis. Durchf\u00fchrung der Arbeiten in breit angelegter interdisziplin\u00e4rer Zusammenarbeit von Restau-ratoren, Naturwissenschaftlern, Kunsthistorikern, Denkmalpflegern und Bauverantwortlichen.<\/p>\n<p>Darstellung der Arbeitsschritte und der angewandten MethodenDie Arbeiten am Bestand erfolgten auf Grundlage von naturwissenschaftlichen, restauratorischen, kunst-historischen und restaurierungsgeschichtlichen Voruntersuchungen. Sie wurden von drei mit den Glasmalereien des Erfurter Domes vertrauten Kollegen in der mit Unterst\u00fctzung der DBU neu eingerichteten Glaswerkstatt des Erfurter Domes unter besten technischen Bedingungen durchgef\u00fchrt.<br \/>\nDie Restaurierung und Konservierung der Glasmalereien beider Fenster erfolgte unter den o. g. Arbeitsschwerpunkten. Nach der Entfernung von Korrosionsprodukten soweit vertretbar (trocken mit Feehaar-pinsel) Malschichtsicherung auf der Vorderseite mittels Paraloid B 72 (in Toluol, 3% bis max. 7%), bei bereits wachsgesicherten Rechteckfeldern in s\u00fcd IV Nachsicherung bzw. Neufixierung mittels Bienen- und Carnaubawachs 75:25 (mit Erw\u00e4rmung auf Leucht-Heiz-Tisch auf ca. 50\u00b0C, bei Neusicherung unter Verwendung des Haftvermittlers Dynasylan-Glymo in 0,5 bis 3%iger Ethanol-\/Isopropanoll\u00f6sung).<br \/>\nNach behutsamer S\u00e4uberung der R\u00fcckseitenoberfl\u00e4che mit einem Borstenpinsel &#8211; Abdichtung der Verkittung sowie aller Spr\u00fcnge zum Schutz der Vorderseite vor durchdringender Feuchtigkeit durch das fl\u00fcchtige Bindemittel Cyclododecan (Auftrag nach Erhitzung auf 70\u00b0C mittels Dosierstift). Belegung der zu behandelnden Gl\u00e4ser mit einer Ammoniumcarbonatpaste, als 5%ige L\u00f6sung u. angedickt mit Tylose MH 4000. Nach einst\u00fcndiger Belegungsdauer Abnahme der Paste mit einem Gummispatel und Nachwaschen mit Leitungswasser und Blitz-Fix-Schw\u00e4mmchen. Bei zu geringem Reinigungseffekt Durchf\u00fchrung einer zweiten bzw. dritten Belegung der Gl\u00e4ser. Nach Abschluss der letzten Belegung Neutralisierung der Oberfl\u00e4che mit destilliertem Wasser. Durchf\u00fchrung weiterer Ma\u00dfnahmen, wie Beseitigung von Staub u. a. Verunreinigungen, L\u00f6ten von Bleibr\u00fcchen, Entfernung aller Bleischalen, Kleben aller Glasspr\u00fcnge mit schwarz eingef\u00e4rbtem Epoxidharz (Hahnzement SH 1) bzw. Araldit XW 396\/397; Erg\u00e4nzung fehlender Originalgl\u00e4ser bzw. Ersatz extrem st\u00f6render Erg\u00e4nzungen der 1940er Jahre, Beseitigung partiell auftretender mikrobieller Strukturen mittels Isopropanol.<br \/>\nAnfertigung einer ausf\u00fchrlichen fotografischen, grafischen und schriftlichen Dokumentation von Vorzustand und Nachzustand der Objekte und den Ma\u00dfnahmen. Durchf\u00fchrung der grafischen Dokumentation mit Computer (DOS, Windows-Betriebssystem, Illustrationsprogramm DESIGNER von Micrografx).<br \/>\nDurchf\u00fchrung naturwissenschaftlicher Begleituntersuchungen zur Wirksamkeit und dem Schadenspotential der eingesetzten Mittel und Methoden sowie zum Originalmaterial und fr\u00fcheren Restaurierungsmaterialien mittels Elektronenmikroskopie, Environmental Secondary Electron Mocroscope, Infrarotspektroskopie und Fourier-Transform-Infrarotspektroskopie. Anwendung biologischer Kultivierungstechniken.<\/p>\n<p>Ergebnisse und Diskussion<\/p>\n<p>Trotz aller Schwierigkeiten und Kompromisse im Einzelfall verlief die Malschichtsicherung im Ganzen unproblematischer als erwartet. Das erstmals am Erfurter Bestand eingesetzte bew\u00e4hrte Mittel Paraloid B 72 war gut zu handhaben und besitzt eine Klebekraft, die auch st\u00e4rker aufgeworfene Malschichten fixiert.<br \/>\nDas Mittel Paraloid bew\u00e4hrte sich als Alternative zu dem 1979-1991 am Erfurter Dom zur Notsicherung verwendeten Bienen-Carnaubawachs-Gemisch. In der Handhabung und in bestimmten Eigenschaften wie Klebekraft oder Anl\u00f6sbarkeit zeigten sich Vorteile gegen\u00fcber dem Wachsgemisch. Trotz einer Reihe von Aufbr\u00fcchen in den \u00e4lteren Wachsapplikationen und beobachteten Haftungsverlusten ist die Notsicherung der 1980er Jahre dennoch insgesamt als notwendig, sinnvoll und gelungen einzusch\u00e4tzen. Hierbei sind auch die damaligen unzureichenden technischen Voraussetzungen und die notgedrungene Mitsicherung von Korrosion zu ber\u00fccksichtigen. Die im Rahmen der damaligen Sicherung und der j\u00fcngsten Nachsicherung gesammelten Erfahrungen sind eine wertvolle Hilfe f\u00fcr zuk\u00fcnftige Arbeiten an den bedeutenden wachsgesicherten Best\u00e4nden nicht nur des Erfurter Domes.<br \/>\nDie Ausd\u00fcnnung der harten Erfurter Wettersteinkrusten auf der Basis von Ammoniumcarbonat ist eine aus konservatorischer Sicht vertretbare L\u00f6sung. Besonders erfreulich sind die Ergebnisse dieser Ma\u00dfnahme aus \u00e4sthetischer Sicht. Es wurde ein deutlicher, je nach Lichteinfall unterschiedlich wahrnehmbarer Transparenzgewinn erzielt. Die Darstellungen sind weitaus deutlicher ablesbar, ihre Farben wirken jetzt \u00fcberraschend klar und intensiv. Die Kontraste zwischen extrem hellen und stark verdunkelten Par-tien konnten gemildert werden, wodurch der Bestand eine gr\u00f6\u00dfere Einheitlichkeit erhalten hat. Au\u00dferdem haben die Darstellungen an R\u00e4umlichkeit und an K\u00f6rperlichkeit gewonnen. Neben der Ausd\u00fcnnung der Wettersteinkruste und der Reduzierung der vorderseitigen Korrosion hat auch die Beseitigung verunkl\u00e4render Bleischalen und die Auswechslung \u00e4sthetisch stark st\u00f6render Glasflickst\u00fccke wesentlich zur Kl\u00e4rung des Bestandes beigetragen und ihn wieder seinem urspr\u00fcnglichen Erscheinungsbild angen\u00e4hert.<br \/>\nIm Laufe der Arbeiten konnten verborgene Ph\u00e4nomene, wie etwa Reste der Originaloberfl\u00e4che oder der R\u00fcckseitenbemalung, aufgedeckt und eine Reihe von neuen kunsthistorischen, restaurierungsgeschichtlichen, restauratorisch-konservatorischen und naturwissenschaftlichen Erkenntnissen gewonnen werden.<\/p>\n<p>\u00d6ffentlichkeitsarbeit und Pr\u00e4sentation<\/p>\n<p>Vorstellung der Ergebnisse auf einem Zwischenkolloquium im Februar 2002 und auf einem Abschlusskolloquium im April 2004. Publikation der Ergebnisse in zahlreichen Artikeln der Lokalpresse, in Fach-zeitschriften und Literatur. Ausf\u00fchrliche Ver\u00f6ffentlichung in Buchform: Mittelalterliche Glasmalerei im Dom zu Erfurt. Restaurierung und Konservierung, Leipzig 2004. Vorstellung von Arbeiten und von Er-gebnissen zum Tag des offenen Denkmals 2001, demn\u00e4chst zu einem Pressetermin im Sommer 2004 und geplant auf der Dehio-Ausstellung 2005 in Dresden.<\/p>\n<p>Fazit<\/p>\n<p>Verlauf und Ergebnisse der Arbeiten sind insgesamt positiv zu bewerten. Zu ber\u00fccksichtigen sind dabei die starken Sch\u00e4den an den Glasmalereien bzw. die Einschr\u00e4nkung der Behandlungsm\u00f6glichkeiten durch fr\u00fchere Ma\u00dfnahmen. Innerhalb des Projektes ist es gelungen, die in mehrj\u00e4hriger Arbeit gewonnenen Erkenntnisse und Erfahrungen in die Praxis umzusetzen. Der Erfolg ist einem Team aus Restauratoren, Naturwissenschaftlern, Kunsthistorikern, Bauverantwortlichen und Denkmalpflegern zu verdan-ken, die in kollegialer Zusammenarbeit an der Bew\u00e4ltigung der schwierigen Aufgabenstellungen mitwirkten.<br \/>\nDie Ergebnisse des Projektes bilden eine solide Grundlage f\u00fcr die fachgerechte Weiterarbeit am Bestand.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zielsetzung und Anlass des Vorhabens Restaurierung und Konservierung von stark umweltgesch\u00e4digten Glasmalereien zweier mittelalterlicher Fenster (s\u00fcd VI und s\u00fcd IV) des Erfurter Domes. Ziel des Vorhabens war die fachgerechte Bearbeitung des Bestandes (Schwerpunkte: Ausd\u00fcnnung der stark transparenzmindernden Wettersteinschicht und Malschichtfestigung) mit \u00dcberf\u00fchrung zahlreicher theoretischer Untersuchungsergebnisse in die Praxis. 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