{"id":20414,"date":"2023-07-13T15:15:25","date_gmt":"2023-07-13T13:15:25","guid":{"rendered":"https:\/\/www.dbu.de\/projektdatenbank\/12599-01\/"},"modified":"2023-07-13T15:15:27","modified_gmt":"2023-07-13T13:15:27","slug":"12599-01","status":"publish","type":"projektdatenbank","link":"https:\/\/www.dbu.de\/en\/projektdatenbank\/12599-01\/","title":{"rendered":"Modellhafte Evaluierung der Auswirkungen einer Hydrazinbehandlung bei umweltgesch\u00e4digten stark verbr\u00e4unten Glasfenstern am Beispiel der mittelalterlichen Fensterpartien im Kloster Marienstern\/Sachsen"},"content":{"rendered":"<p>Zielsetzung und Anlass des Vorhabens<\/p>\n<p>An vier Objekten wurden im Zeitraum von 1981 bis 1991 Aufhellungen von stark verbr\u00e4unten mittelalterlichen Glasmalereien mit Hilfe einer chemischen Behandlungsmethode vorgenommen. Die Auswirkungen der dabei ablaufenden Prozesse k\u00f6nnen teilweise erst nach Jahren zuverl\u00e4ssig beurteilt werden. Insbesondere ist der eventuelle Wiederverbr\u00e4unungseffekt nach mehrj\u00e4hriger Exposition in situ von Interesse, aber auch die langfristigen Einfl\u00fcsse der Behandlung auf das Erscheinungsbild spielen eine Rolle. Beides wird in den Untersuchungen, die in einer Zusammenarbeit zwischen Naturwissenschaftlern, Kunsthistorikern und Restauratoren durchgef\u00fchrt werden, auch im Hinblick auf noch zu erg\u00e4nzende Konservierungsschritte und auf eine grundlegende Beurteilung der Behandlungsmethode (das sogenannte Hydrazinverfahren) zu ermitteln sein.<\/p>\n<p>Darstellung der Arbeitsschritte und der angewandten MethodenDie f\u00fcr die Untersuchungen auszuw\u00e4hlenden Testfelder werden bei Ortsterminen gemeinsam von Gutachtern, Restauratoren und Naturwissenschaftlern festgelegt. Einzelne Glassegmente werden f\u00fcr Untersuchungen aus den Testfeldern ausgebleit. Die Untersuchungen erstrecken sich auf die wesentlichen Glassorten, deren Aufhellung dokumentarisch belegt ist. Hierzu geh\u00f6ren neben fotografischen Aufnahmen auch Lichttransmissionsmessungen, die vor und nach der Hydrazinbehandlung an Testsegmenten durchgef\u00fchrt wurden. Zur Charakterisierung des Transmissionsverhaltens werden wiederum eine einfache Lichtdurchgangsmessung durchgef\u00fchrt und zus\u00e4tzlich die Spektren im sichtbaren Bereich erfasst.<br \/>\nDie in den Oberfl\u00e4chenschichten der Gl\u00e4ser sowie in den Malschichten erfolgten Ver\u00e4nderungen im Verlauf der zehn bis fast zwanzig Jahre nach der Hydrazinbehandlung werden mit elektronenmikroskopischen, r\u00f6ntgendiffraktometrischen und infrarotspektroskopischen Messungen erfasst und ausgewertet. Vor allem ist aus den morphologischen Befunden der Gelschichten auf den Glasoberfl\u00e4chen eine Beurteilung unterschiedlicher Konservierungsverfahren vorzunehmen.<br \/>\nSowohl der Ausbau und Wiedereinbau der Testfelder als auch das Ausbleien und Wiedereinbleien der Glassegmente werden von den Glaswerkst\u00e4tten Lehmann durchgef\u00fchrt. Dabei werden die Aktionen so organisiert, dass die Fachrestauratoren die Termine f\u00fcr ihre Untersuchungen nutzen k\u00f6nnen. An nachgeschmolzenen und k\u00fcnstlich im Klimaschrank verbr\u00e4unten Modellgl\u00e4sern werden die Konservierungsvarianten auf Langzeitwirksamkeit getestet.<br \/>\nAus den Untersuchungsergebnissen und dem Gesamteindruck einer eingehenden gutachterlichen Betrachtung der Testscheiben werden Empfehlungen f\u00fcr die weitere Anwendung oder gegebenenfalls Nichtverwendung der Hydrazinmethode abgeleitet.<\/p>\n<p>Ergebnisse und Diskussion<\/p>\n<p>Die Untersuchungen an den Testfeldern konnten wie vorgesehen durchgef\u00fchrt werden. Sie gaben den erwarteten Aufschluss \u00fcber die materialtechnischen Ver\u00e4nderungen w\u00e4hrend der und nach den Behandlungen vor 15 Jahren.<\/p>\n<p>Die auf der Au\u00dfenseite der Glasmalereien vorgenommenen Behandlungen mit Hydrazin- und anschlie\u00dfend mit Ameisens\u00e4urel\u00f6sung sowie mit Wasser zum Abwaschen der L\u00f6sungsr\u00fcckst\u00e4nde haben &#8211; abgesehen von der Abl\u00f6sung der Korrosionsproduktschichten (Wetterstein) &#8211; keine merklichen materialtechnischen Ver\u00e4nderungen ergeben. Eventuell noch vorhanden gewesene Spuren einer ehemaligen Au\u00dfenbemalung sind dabei verloren gegangen. Es ist aber eine Illusion, auf eine langfristige Erhaltung dieser Spuren zu hoffen, da es sich stets ausschlie\u00dflich um die Zersetzungsprodukte (Salze) ehemaliger Malschichtsubstanzen handelt, die nicht r\u00fcckf\u00fchrbar sind. <\/p>\n<p>Die im Fall des Fensters nII aus dem Kloster Marienstern notwendige Behandlung der Innenseite der Glasmalereien im Tauchbad der L\u00f6sungen hat ebenfalls nicht zu merklichen Materialver\u00e4nderungen gef\u00fchrt. Sehr geringf\u00fcgige Unterschiede an einigen wenigen Stellen der Bemalung sind nicht mit Sicherheit der Behandlungsprozedur zuzuordnen. Von vergleichbaren mittelalterlichen  Objekten ist bekannt, dass sich innerhalb eines Zeitraums von mehr als einem Jahrzehnt oft weitaus gr\u00f6\u00dfere Verluste ergeben k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Der gegenw\u00e4rtige Zustand aller vier Objekte f\u00e4llt in keiner Weise aus dem durchschnittlichen Rahmen. Dem eingegangenen Wagnis &#8211; das durch entsprechende Laborversuche vorsorglich minimiert worden war &#8211; und dem dennoch verbliebenen Belastungsrisiko stehen eine gegen\u00fcber dem Vorzustand um Gr\u00f6\u00dfenordnungen verbesserte Transparenz und die damit wieder gewonnene Lesbarkeit der Malereien gegen\u00fcber. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit kann angenommen werden, dass die k\u00fcnftige Entwicklung des Korrosionsfortschritts unbeeinflusst von den erfolgten Behandlungen verlaufen wird und nur durch die klimatischen Bedingungen am Aufbewahrungsort, das hei\u00dft im Fenster hinter den Au\u00dfenschutzverglasungen bzw. im Museumsraum bestimmt wird, wie an jedem beliebigen anderen Fenster auch. Es gibt keine Notwendigkeit, an irgendeinem der vier behandelten Objekte weitere Ma\u00dfnahmen vorzunehmen. Das trifft auch auf die geringf\u00fcgige teilweise Wiederverbr\u00e4unung zu.<\/p>\n<p>Die Beschichtung mit einer d\u00fcnnen ORMOCER-Schicht hat sich als nicht ausreichend zur Verhinderung der Wiederverbr\u00e4unung erwiesen. Diese und \u00e4hnliche Stabilisierungsma\u00dfnahmen k\u00f6nnen k\u00fcnftig unterbleiben. Jeder Kunstharzfilm l\u00e4sst vermutlich ausreichende Mengen an oxidativen Gasen durch, um das Mangan in den Gelschichten wieder zu oxidieren. Gro\u00dfe Bedeutung wird dagegen den klimatischen Bedingungen zukommen. Deshalb muss dringend empfohlen werden, in den Kirchen solche Verh\u00e4ltnisse herzustellen, dass eine relative Luftfeuchte von etwa 60 % nicht \u00fcberschritten wird.<\/p>\n<p>Die fehlende Luftzirkulation im Fensterspalt in den Kirchen von Kirchst\u00fcck und Basse sowie die offenbar sehr feuchte Innenatmosph\u00e4re in der gesamten Klosterkirche Marienstern, die bewirkt, dass trotz Luftzirkulation im Spalt die relativen Feuchten au\u00dfergew\u00f6hnlich hoch sind, stellen v\u00f6llig unabh\u00e4ngig von der Hydrazinbehandlung ein hohes Risiko dar, unter dem auch weniger empfindliche Materialien leiden w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Deshalb ist es nahezu unglaublich, dass die infolge ihrer chemischen Zusammensetzung \u00e4u\u00dferst gef\u00e4hrdeten mittelalterlichen Gl\u00e4ser so wenig Ver\u00e4nderungen nach dem Wiedereinsetzen zeigen. Es l\u00e4sst fast vermuten, dass die Behandlungen, bei denen ja durch Hydrazin- und Ameisens\u00e4urel\u00f6sungen nicht nur das Mangan, sondern auch zahlreiche Schadstoffe von den Oberfl\u00e4chen entfernt worden sind, eher eine konservierende als die bef\u00fcrchtete sch\u00e4digende Wirkung gehabt haben. Damit w\u00e4re ein weiteres Mal best\u00e4tigt, dass die meisten Sch\u00e4den an Kunstwerken nicht durch getroffene Ma\u00dfnahme, sondern durch Unterlassungen entstehen.<\/p>\n<p>\u00d6ffentlichkeitsarbeit und Pr\u00e4sentation<\/p>\n<p>Die Ergebnisse der Untersuchungen an den originalen Testscheiben wurden in einer ausf\u00fchrlichen Publikation, die im Verlag Edition Leipzig im M\u00e4rz 2002 bereits erschienen ist, detailliert dargestellt und aus-gewertet. Eine weitere Publikation wird in der Fachzeitschrift CV-Newsletter erscheinen. Hier sollen insbesondere die grundlegenden Fragen der Verbr\u00e4unung und ihrer Behandlung beschrieben werden, die mit Hilfe von Modellgl\u00e4sern experimentell beantwortet werden konnten. Vor einer Verbreitung der Ergebnisse in der verk\u00fcrzten Form eines Informationsblattes, das urspr\u00fcnglich vorgesehen war, hat der Fachbeirat des Projekts gewarnt, da eine unsachgem\u00e4\u00dfe Anwendung durch nicht ausreichend qualifizierte Werkst\u00e4tten nicht ausgeschlossen werden kann. Von dieser Form der Pr\u00e4sentation wurde deshalb Abstand genommen.<\/p>\n<p>Fazit<\/p>\n<p>In jedem Fall ist vor einer unkritischen, nicht von ausreichenden naturwissenschaftlich-technischen Vor- und Begleituntersuchungen flankierten Anwendung eindringlich zu warnen. Die in allen materialtechnischen Aspekten als befriedigend bis ausgezeichnet zu bewertenden Ergebnisse der exemplarischen Konservierungsversuche mit Hydrazin- und Ameisens\u00e4urel\u00f6sungen d\u00fcrfen nicht dazu verleiten, in naher Zukunft eine g\u00e4ngige Werkstattmethode auf der Basis dieses ersten Experiments zu erwarten. Abgesehen von den unbedingt erforderlichen besonderen Arbeitsschutzma\u00dfnahmen beim Umgang mit dem als krebserregend eingestuften Hydrazin, k\u00f6nnen in anderen Glasoberfl\u00e4chen v\u00f6llig kontr\u00e4re Materialcharakteristika vorliegen, die jeden Versuch zu einem gef\u00e4hrlichen Risiko machen. Dieses l\u00e4sst sich aber be-herrschen, indem geringe Mengen an originalem Probematerial f\u00fcr Vorversuche bereitgestellt wird, die nunmehr unter Nutzung der Erkenntnisse aus dem gegenw\u00e4rtigen Projekt mit weit gr\u00f6\u00dferer Sicherheit als noch vor zwei Jahrzehnten zur Entscheidung \u00fcber die Ma\u00dfnahmen herangezogen werden k\u00f6nnen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zielsetzung und Anlass des Vorhabens An vier Objekten wurden im Zeitraum von 1981 bis 1991 Aufhellungen von stark verbr\u00e4unten mittelalterlichen Glasmalereien mit Hilfe einer chemischen Behandlungsmethode vorgenommen. Die Auswirkungen der dabei ablaufenden Prozesse k\u00f6nnen teilweise erst nach Jahren zuverl\u00e4ssig beurteilt werden. 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