DBU aktuell Nr. 1 | 2016

Informationen aus der Fördertätigkeit der Deutschen Bundesstiftung Umwelt

Sehen Sie selbst...
Prof. Dr. Reinhold Leinfelder ist Geologe an der Freien Universität Berlin und leitet seit September 2014 das »Haus der Zukunft« in Berlin.

1.) Anthropozän-Konzept erfordert Demut vor dem System Erde

DBU aktuell: Wer hat die Debatte um das »Anthropozän« ins Rollen gebracht?
Prof. Dr. Reinhold Leinfelder: Den Grundstein dafür legte Umwelt- und Nobelpreisträger Prof. Paul J. Crutzen im Jahr 2000, zunächst mit einem spontanen Ausruf während einer Tagung, dann aber vor allem mit dem Beitrag »The Geology of Mankind« in der Fachzeitschrift Nature.

Was muss man sich unter dem Anthropozän-Konzept eigentlich vorstellen?
Ihm liegen vier Hypothesen zugrunde: Erstens das Verständnis vom Menschen als »geologischer Faktor«, zweitens der daraus resultierende Sachverhalt des vom Menschen geprägten Erdsystems, schließlich die geologische Überlieferungsfähigkeit menschlicher Handlungen sowie der damit nicht mehr vorhandene Gegensatz von Kultur und Natur.

Wie sehen die Belege für diese Hypothesen aus?
Das Ausmaß des menschengemachten Wandels auf der Erde zeigt sich in vielerlei Aspekten: Der Anteil unberührter Natur ist heute gering. Echte Wildnis stellt mit 23 % Anteil an der eisfreien Erdoberfläche eher die Ausnahme dar. Weit mehr als die Hälfte des Süßwassers wird durch den Menschen gemanagt und verbraucht. Zu verzeichnen ist zudem eine gegenüber den natürlichen Gegebenheiten 100- bis 1 000-fach höhere Aussterberate bei Tier- und Pflanzenarten. Schließlich macht die Biomasse des Menschen und der domestizierten Tiere 90 % aller lebenden Säugetiere aus. Diese Liste ist fast beliebig verlängerbar.

Das war durchaus nicht immer so ...
Richtig, denn mit Beginn des Holozäns vor etwa 11 700 Jahren beim Übergang des Menschen vom Jäger- und Sammlerdasein zur Sesshaftigkeit greift der Mensch erstmals in größerem, allerdings regionalem Stil in die Gestaltung der Erde ein, und zwar in Form des Ackerbaus und der Viehzucht.

Und ab wann spricht man vom Anthropozän?
Es gibt hier unterschiedliche Vorschläge: Crutzen schlug die industrielle Revolution zum Ende des 18. Jahrhunderts als Startpunkt vor. Der derzeitige Mehrheitsvorschlag der Internationalen Stratigraphie-Arbeitsgruppe, an der ich mitarbeite, konzentriert sich hingegen auf die Jahre 1945 bis 1950, als die Menschheit mit Zündung der ersten Atombomben begann, radioaktiven Fall-out zu produzieren. Die damals erzeugten Radionuklide sind in den Sedimenten der Erde ebenso erstmals nachweisbar wie die seit diesem Zeitraum vom Menschen produzierten neuen Kunststoffe und viele weitere »Technofossilien«. Paul Crutzen hat sich dieser Vorstellung zwischenzeitlich angeschlossen. Auch weitere Vorschläge existieren, die aber vermutlich nicht mehrheitsfähig sind.

Gibt es darüber hinaus weitere Aspekte, die das Anthropozän charakterisieren?
Ja, neben der quantitativen Erfassung der menschengemachten Veränderungen in der Umwelt ist es vor allem die Erkenntnis der komplexen Wechselwirkungen zwischen den Erdsystemen – alles hängt mit allem zusammen. Dies wird anhand des Konzepts der Planetary Boundaries sowie vor allem auch deren Interaktion besonders deutlich. Ein weiteres Charakteristikum des Anthropozäns sind nicht-lineare zeitliche Dynamiken vieler Prozesse ab etwa 1950. Diese »große Beschleunigung« umfasst zum Beispiel den Anstieg bestimmter Atmosphärengase, den daraus resultierenden Klimawandel, die Zunahme des Arten- und Bodenverlustes, viele gesellschaftliche Prozesse wie den demographischen Wandel und die Zunahme des Ressourcenverbrauchs.

Wie können wir adäquat auf diese Herausforderungen reagieren?
Das Anthropozän-Konzept erfordert ein systemisches Ver­ständnis, naturverträgliche Technologien, den Vorsorge­gedanken und zugleich Demut vor dem System Erde.

Spätestens hier kommt die Ethik mit ins Spiel. Wie lässt sie sich umreißen?
Die Ethik des Anthropozäns führt weg vom Dualismus, welcher die »gute« Natur dem »bösen« Menschen samt seiner Technik gegenüberstellt. Sie sieht den Menschen vielmehr als Teil der Natur an, womit der Mensch auch als in das Erdsystem eingebunden und mitverantwortlich für den Zustand der Natur zu gelten hat. Der Mensch ist damit nicht von einer Umwelt umgeben, sondern Teil einer »Unswelt«.


DBU-Symposium »Anthropozän – der Mensch als geologische Kraft«
Anfang Oktober 2015 fand im Umweltbildungszentrum Schloss Wiesenfelden das DBU-Symposium »Anthropozän – der Mensch als geologische Kraft« unter Beteiligung namhafter Experten statt. Die wichtigsten Ergebnisse der Tagung sowie themenverwandte Projekte fasst die vorliegende Ausgabe von DBU aktuell zusammen. Die Kernaussagen von zwei der insgesamt fünf Vortragenden geben wir in Form zweier Kurz-Interviews wieder.