27.09.2017 | Interview zum DBU Naturerbe

Fragen an Prof. Dr. Werner Wahmhoff, stellvertretender Generalsekretär der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) und Fachlicher Leiter sowie Prokurist der DBU Naturerbe GmbH

Prof. Dr. Werner Wahmhoff
Prof. Dr. Werner Wahmhoff, stellvertretender DBU-Generalsekretär und Fachlicher Leiter der DBU-Tochter, informiert über die nächsten Schritte nach der Vertragsunterzeichnung.
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Osnabrück. Im Juni 2015 hatte Bundesumweltministerin Dr. Barbara Hendricks bekannt gegeben, dass weitere 31.055 Hektar (ha) ehemals militärisch genutzter Liegenschaften als „Nationales Naturerbe“ an interessierte Länder, Umweltverbände und -Stiftungen übertragen werden sollen. Insgesamt gehören damit nun rund 156.000 ha zur Flächenkulisse. Der Bund hat der gemeinnützigen Tochter der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU), der DBU Naturerbe GmbH, entsprechend weitere 23 Flächen angeboten. Am 28.10.2016 hatten die Vertreter von Bund und DBU den Rahmenvertrag für die Übernahme der Flächen mit rund 9.000 ha unterschrieben. Demnach trägt die DBU mit Wirkung zum 1. Oktober 2017 die Verantwortung für 70 Flächen mit insgesamt rund 69.000 ha.

Frage: Wie geht es nach dem „Eigentümerwechsel“ weiter?

Antwort: Wir haben inzwischen über Bereisungen und viele Gespräche auch mit Akteuren vor Ort einen guten ersten Eindruck von den Liegenschaften gewonnen. Zukünftig steht der Naturschutz auf den Flächen an erster Stelle. In unserem Rahmenvertrag für die Flächen der sogenannten dritten Tranche haben wir festgelegt, dass wir zum 1. Oktober 2017 die Verantwortung für 23 ehemalige militärische Übungsplätze übernehmen. Bis dahin wird weiterhin die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben Hausherr sein. Die Ansprechpartner vor Ort bleiben die Mitarbeiter des Bundesforstbetriebes. Gemeinsam werden wir aber schon jetzt mit den Planungen beginnen.

Frage: Was für Naturschutzstrategien verfolgen Sie?

Antwort: Grundsätzlich werden auf unseren Flächen offene Lebensräume mit seltenen Arten durch Pflege bewahrt, naturnahe Wälder ohne menschlichen Eingriff zu neuer Wildnis entwickelt, artenarme Forste in naturnahe Wälder überführt und Feuchtbiotope ökologisch aufgewertet und erhalten. Sobald also eine Waldfläche eine bestimmte Naturnähe aufweist, werden wir der Natur freien Lauf lassen. Bis dahin wird es aber weiterhin zu Holzeinschlägen kommen, um monotone Wirtschaftswälder renaturieren zu können. Wir verfolgen demnach zwei Naturschutzstrategien: im Wald ist es unser Ziel, langfristig der Natur freien Lauf zu lassen. Ganz anders im Offenland: Seltene Lebensräume wollen wir pflegen, um ihren Erhaltungszustand zu halten, beziehungsweise zu verbessern.

Frage: Welche Beweidungsarten sind geplant?

Antwort: Auf unseren Flächen agieren Weidetiere wie Schafe, Ziegen, aber auch Heckrinder, Konik- oder Przewalski-Pferde als Landschaftspfleger. Die bestehenden Pachtverträge etwa mit den Schäfern werden wir übernehmen. Nach und nach entwickeln wir für alle Liegenschaften sogenannte Naturerbe-Entwicklungspläne, die die konkreten Maßnahmen vor Ort der kommenden zehn Jahre festschreiben. Grundlage für die Planung sind flächendeckende Kartierungen, um die Ist-Situation aufzunehmen und die notwendigen Maßnahmen abzuleiten. Bis wir diese Planungen abgeschlossen haben, werden aber alle Pflegemaßnahmen durchgeführt, die notwendig sind, um jegliche Verschlechterung der Lebensräume für Tiere und Pflanzen zu verhindern

Frage: Sollen die Flächen für die Bevölkerung geöffnet werden?

Antwort: Der Naturschutz hat auf Flächen des Nationalen Naturerbes aber oberste Priorität. Wir haben auch einen Umweltbildungsauftrag. Da, wo es naturschutzfachlich und sicherheitstechnisch möglich ist, wollen wir Naturerlebnisse ermöglichen. Die Besucherlenkung ist auch Teil des Managementplans, den wir natürlich auch vor Ort abstimmen werden. Ich kann mir vorstellen, dass wir einige Wege sondieren und vom Kampfmittelräumdienst räumen lassen, um auch unter Sicherheitsaspekten ein Betreten der Flächen verantworten zu können.

Frage: Wird es eine touristische Nutzung geben können?

Antwort: Inwiefern eine DBU-Naturerbefläche für sanften Tourismus geeignet ist, entscheiden nicht nur wir als Eigentümer, sondern vor allem auch die Regionalentwickler vor Ort. Wenn naturschutzfachlich und sicherheitstechnisch keine Risiken bestehen, unterstützen wir im Rahmen unserer Möglichkeiten das lokale Engagement. So haben wir beispielsweise auf der DBU-Naturerbefläche Pöllwitzer Wald in Thüringen 2015 die Erweiterung eines Moorerlebnispfades gemeinsam mit dem Tourismusverband und dem Kreis vorangetrieben. Auf der DBU-Naturerbefläche Prora auf Rügen haben wir gemeinsam mit der Erlebnis Akademie das Naturerbe Zentrum Rügen mit Dauerausstellung und Baumwipfelpfad aufgebaut. Grundsätzlich kann man sagen: Naturerleben gerne, aktives Sporttreiben etwa mit Mountainbikes zeigte sich bislang als eher schwierig umsetzbar.

Frage: Viele Flächen sind wegen der ehemals militärischen Nutzung munitionsbelastet. Wie vereinbart sich das mit dem Naturerbe-Titel? Was plant die DBU in diesem Zusammenhang?

Antwort: Bis auf wenige Ausnahmen handelt es sich bei den DBU-Naturerbeflächen um ehemals militärisch genutzte Flächen, die oft auch munitionsbelastet sind. Dabei variiert die Kampfmittelbelastung nicht nur von Fläche zu Fläche, sondern auch innerhalb der Liegenschaft. Die naturschutzfachlichen Besonderheiten haben sich oft auch aufgrund der militärischen Nutzung entwickeln können. Von daher ist es kein Widerspruch, dass eine munitionsbelastete Fläche trotzdem zum Nationalen Naturerbe gehört. Wie wir vor Ort mit der Thematik umgehen, ist ganz unterschiedlich. Mancherorts ist es möglich, beispielsweise Heckrinder oder Konik-Pferde für die Beweidung offener Flächen einzusetzen. Teilweise können wir Flächen auch noch mähen. Manchmal ist eine Pflege aber auch nicht möglich. Dann überlassen wir Teilflächen sich selbst. Welche Bereiche das betreffen könnte, und um wieviel Fläche es sich handelt, wissen wir noch nicht.

Frage: Auf den Flächen stehen oft auch noch alte Kasernenanlagen. Es gibt Panzerwaschanlagen oder auch lange Fluglandebahnen. Was passiert mit dieser Infrastruktur?

Antwort: Der Rückbau beispielsweise von Kasernen, Bunkern, Straßen oder auch militärischen Stellungen ist für uns seit einigen Jahren ein relevantes Thema. Wir haben insgesamt bereits über eine Million Euro in die Hand genommen, um der Natur ihren Raum wiederzugeben und einige Teilflächen zu entsiegeln. Allerdings sind unsere Mittel begrenzt, und ihr Einsatz sollte immer wohl bedacht werden.

Frage: Welche Lebensräume sind für Sie von besonderer Bedeutung?

Antwort: Vor allem die großen, zusammenhängenden Offenlandbereiche mit ihren unterschiedlichen Lebensräumen in ihrer mosaikartigen Verzahnung mit Wäldern halten wir für besonders schützenswert. Gerade in diesen halboffenen Landschaften gibt es eine hohe Artenvielfalt mit vielen seltenen Pflanzen und Tieren. Die biologische Vielfalt auf unseren Flächen zu erhalten und zu optimieren, ist uns ein besonderes Anliegen.