100 Äcker für die Vielfalt

Ein Netz von Schutzäckern in Deutschland

Das Projekt „Errichtung eines bundesweiten Schutzgebietsnetzes für Ackerwildkräuter“ verfolgte das Ziel, ein nachhaltiges Schutzgebiets-Netzwerk zum Erhalt bedrohter Segetalarten in Deutschland zu konzipieren und umzusetzen. Eine Anzahl von mindestens 100 geeigneten Ackerstandorten („100 Äcker für die Vielfalt“) sollte für eine „dauerhafte Sicherung“ selten gewordener Ackerwildkräuter und -gesellschaften akquiriert werden und ihre spezielle, auf den Erhalt und Förderung der entsprechenden Arten und Gesellschaften ausgerichtete Bewirtschaftung langfristig sichergestellt werden.

Schutzacker © Stefan Meyer
Schutzacker für Ackerwildkräuter auf dem Riegelberg bei Utzmemmingen (LK Ostalbkreis, Baden-Württemberg)
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Schutzäcker zur Sicherung artenreicher Ackerflächen

Eine dem Projekt vorangegangene Machbarkeitsstudie zeigt, dass trotz der drastischen Verarmung der Ackerwildkrautvegetation (noch) zahlreiche entwicklungsfähige und dringend zu sichernde Bestände vorhanden sind, um ein Netz an Schutzäckern in Deutschland zu errichten. Als „Schutzacker“ wurde im Projekt eine Fläche bezeichnet, deren aus botanischer Sicht herausragendes Arteninventar langfristig durch entsprechende vertragliche Vereinbarungen oder rechtliche Instrumente gesichert worden ist. Gleichwertig war es, wenn sich eine Fläche im Eigentum von Naturschutzakteuren oder öffentlichen Trägern befindet. Eine dem Erhalt schutzwürdiger Ackerwildkräuter bzw. -gesellschaften förderliche Bewirtschaftung wurde sichergestellt und die Betreuung durch einen Ansprechpartner vor Ort (etwa Landschaftspflege- oder Naturschutzverband) ist gegeben. Ein Instrumenten-Mix aus Agrarumweltprogrammen, Mitteln aus der Eingriffs-Ausgleichs-Regelung, spezifischen Instrumenten der Länder für Ankauf und Management von Flächen u. a. diente dem übergreifenden Ziel, die Flächen und deren an den Bedürfnissen der Zielarten angepasste Bewirtschaftung langfristig abzusichern.

Breitblättrige Haftdolde © Stefan Meyer
Breitblättrige Haftdolde
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Es ging um naturschutzfachlich besonders wertvolle Flächen

Mit dem Projekt wurde eine bundesweite Anstrengung unternommen, langfristig dem seit Jahrzehnten unvermindert voranschreitenden Artenschwund der Ackerwildkräuter durch ein Netz von Schutzflächen zu begegnen. Dieses Vorhaben stellt eine realistische Vision dar und ist in der Geschichte des Ackerwildkrautschutzes einmalig.

Die Breitblättrige Haftdolde (Turgenia latifolia) besitzt rezent nur noch drei Vorkommen in Bayern und Thüringen, zwei davon auf Schutzäckern des Netzwerkes.

Kooperation der Universitäten Göttingen und Kassel sowie des Deutschen Verbands für Landschaftspflege (DVL)

Das Team setzte sich zusammen aus Wissenschaftlern der Georg-August-Universität Göttingen und der Universität Kassel-Witzenhausen, dem Deutschen Verband für Landespflege (DVL) e. V. und vier langjährig an der Schnittstelle Naturschutz-Landwirtschaft tätigen Regionalkoordinatoren, die flächendeckend die Betreuung von Initiativen in Deutschland sicherstellten. Länderspezifisch waren auch Stiftungen, Landgesellschaften und Landschaftspflegeverbände als Kooperationspartner vor Ort vorhanden, die bereits in die Vorphase des Projekts eingebunden waren. Im Projekt wirkten interdisziplinär Wissenschaftler, Landschaftspflege- und Naturschutzverbände, Naturschutz- und Bauernverbandstiftungen sowie die Naturschutzverwaltungen der Bundesländer an der Realisierung eines bundesweiten, langfristigen Konzepts zum Ackerwildkrautschutz zusammen, wobei sämtliche potentiell relevanten Instrumente in jeweils länder- und regionalspezifischer Kombination eingesetzt wurden.

Schutzacker Westerhausen © Stefan Meyer
Schutzacker für Ackerwildkräuter mit vielen Kalkscherben am Hügelgrab bei Westerhausen (LK Harz, Sachsen-Anhalt)
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Übersichtskarte gesicherter Schutzäcker (Stand Mai 2014) © Stefan Meyer
Übersichtskarte gesicherter Schutzäcker (Stand Mai 2014)
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Das Ziel erreicht: langfristige Absicherung von über 100 Schutzäckern

Das Schutzackerprojekt hat sein Ziel, in Deutschland langfristig 100 gesicherte Schutzäcker einzurichten, erreicht und sichert u.a. die letzten bekannten Standorte von in Deutschland vom Aussterben bedrohter Arten wie z. B. der Breitblättrigen Haftdolde (Turgenia latifolia) oder der Sichel-Wolfsmilch (Euphorbia falcata). Unter den inzwischen insgesamt 112 Schutzäckern bzw. Schutzackerkomplexen sind auch Flächen enthalten, deren Sicherung von anderen Akteuren schon im Vorfeld erreicht wurde. Gelingen konnte die Sicherung mit jeweils spezifisch angepassten Konzepten und Strategien, die auf die Langfristigkeit der Finanzierung und Bewirtschaftung der Schutzäcker zielten. Hierzu waren individuelle Lösungen und die enge Zusammenarbeit der lokalen Akteure notwendig. Entscheidend für den Erfolg waren die sachgerechte Auswahl der Flächen, die Optimierung der Bewirtschaftungs- und Pflegemaßnahmen und die Motivierung bzw. Begeisterung der Landwirte, die die Flächen bewirtschaften.

Die sichergestellten 112 Schutzäcker, die teilweise als Schutzackerkomplexe aus mehreren Einzelschlägen zusammengesetzt sind, verteilen sich auf alle 13 Flächen-Bundesländer und besitzen insgesamt eine Ausdehnung von 475 ha. Insgesamt umfasst die Schutzacker-Kulisse 281 Einzelschläge, die sich in folgende Größenklassen aufteilen: <0,5 ha (36 %), 0,50 – <1,00 ha (16 %), 1,00 – <2,50 ha (29 %), 2,50 – <5,00 ha (13 %), 5,00 – <10,00 ha (5 %), >10,00 ha (1 %).

Das Projekt hat einen ersten Schritt ermöglicht, Ackerflächen in Deutschland langfristig für den Ackerwildkrautschutz zu sichern. Bezogen auf den dramatischen Artenschwund auf den Äckern ist die Sicherung von 112 Schutzäckern nur ein „Tropfen auf den heißen Stein“; weitere Bemühungen sind nötig. Vor dem Hintergrund, dass zahlreiche weitere wertvolle Ackerflächen wie auch manche Segetalgesellschaften in der Schutzkulisse bisher nicht enthalten sind, sollte die Sicherung weiterer Flächen zügig vorangetrieben werden. Sowohl die Betreuung der bestehenden Flächen als auch der Ausbau der Kulisse erfordern Personen mit biologischer und landwirtschaftlicher Fachkenntnis und guter Vernetzung, die als „Kümmerer“ im Netzwerk fungieren. Wünschenswert wäre außerdem eine nationale Koordinationsstelle für den Biodiversitätsschutz im Ackerland. Das von der Bundesregierung 2007 formulierte Ziel, bis zum Jahre 2020 die Biodiversität in Agrarökosystemen deutlich zu erhöhen, kann nur mit entschiedenen Schritten erreicht werden. Eine wesentliche Bedeutung zur Erreichung dieses Zieles kommt dabei engagierten Akteuren und Institutionen vor Ort zu.

Die Langfristigkeit des Schutzzieles lässt sich am besten durch eine Pluralität an Sicherungsstrategien erreichen. Neben etablierten Instrumenten wie den Agrarumweltprogrammen und dem Flächenankauf durch Naturschutzverbände sind dafür Produktionsintegrierte Kompensationsmaßnahmen (PIK) ein ausbaufähiger Ansatz, wenn vor Ort geeignete Partner für die Beratung der Landwirte und das Monitoring langfristig zur Verfügung stehen. Landschaftspflegeverbände und vergleichbare Organisationen können hier eine wichtige Rolle übernehmen.

Kurzinfo:

Projekttitel

"100 Äcker für die Vielfalt" - Errichtung eines bundesweiten Schutzgebietsnetzes für Ackerwildkräuter

Stand des Projekts

Abgeschlossen (01/2009-05/2014)

Aktenzeichen

24844/02 - 33/0

Projektträger

Georg-August-Universität Göttingen
Albrecht-von-Haller-Institut für Pflanzenwissenschaften
Abt. Ökologie und Ökosystemforschung
Untere Karspüle 2
37073 Göttingen

Ansprechpartner

Stefan Meyer

Telefon

(0551) 395 723

E-Mail

Smeyer1@gwdg.de

Kooperationspartner

Universität Kassel, FG Ökologischer Land- und Pfanzenbau Witzenhausen,
Deutscher Verband für Landschaftspflege e. V. (DVL), Ansbach

Internet

www.schutzaecker.de