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Jungvogelmanagement – eine Sofortmaßnahme zum Schutz des Schreiadlers

Die kleinste Adlerart Deutschlands ist massiv vom Aussterben bedroht. Aktuell liegt der Schreiadler-Bestand hier bei rund 100 Brutpaaren – Tendenz fallend. Langfristige Maßnahmen zur Sicherung der Population sind bereits eingeleitet. Kurzfristig gilt es jedoch, das Überleben jedes Tieres zu sichern – sonst könnte es für unseren Schreiadler zu spät sein.
Schreiadler-Bestand in Deutschland stark gefährdet – kurzfristige Maßnahmen müssen greifen
Schreiadler © Hans Glader / piclease
Das Grünland auf der DBU-Naturerbefläche Woldeforst wird durch Mahd erhalten, um dem Schreiadler offene Flächen als potenzielles Jagdgebiet anzubieten. Er sucht seine Beute nicht nur per Suchflug und Ansitzjagd, sondern auch zu Fuß.
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Vor allem die Verschlechterung des Lebensraums sowie hohe Verluste auf den Zugwegen stellen für den deutschen Bestand des Schreiadlers eine Bedrohung dar. Die Anzahl der gezählten Brutpaare sinkt zusehends, auf der Roten Liste ist er bereits als „stark gefährdet“ eingestuft.

Maßnahmen zum Schutz der Art sind durch die Deutsche Wildtier Stiftung und ihre Kooperationspartner bereits initiiert worden, bis zur Umsetzung wird es jedoch noch mehrere Jahre dauern. Zwingend erforderlich sind also Sofortmaßnahmen, um zumindest die aktuellen Zahlen halten zu können. Das so genannte Jungvogelmanagement könnte sich hierzu als rettende Möglichkeit erweisen: Im Rahmen dieses fünfjährigen Projektes können jährlich bis zu 20 Schreiadler zusätzlich aufgezogen und anschließend ausgewildert werden.

Kainismus – zweiter Jungvogel wird naturgemäß verdrängt

Den besten Ansatzpunkt für eine schnell wirksame Artenschutzmaßnahme bietet das beim Schreiadler auftretende Phänomen des sogenannten „Kainismus“: Schreiadler legen in der Regel zwei Eier, aus denen jeweils ein Jungvogel schlüpft. Doch in fast allen Fällen geht der jüngere Nestling „Abel“ durch Einwirkungen des älteren Jungvogels „Kain“ zu Grunde. Aufgezogen und flügge wird dementsprechend nur ein Jungvogel pro Brutpaar. In Anlehnung an die alttestamentarische Geschichte, in der der ältere Bruder Kain den jüngeren Bruder Abel erschlug, wird dieses Verhalten auch als „Kainismus“ bezeichnet.

Projekt fördert das Überleben auch des zweiten Jungvogels
Schreiadlerjungvogel © Deutsche Wildtier Stiftung / E. Hoyer
Der zweite Jungvogel wird in einer Naturschutzstation aufgezogen und dann wieder ausgewildert.

Durch das Jungvogelmanagement soll erreicht werden, dass auch der zweitgeborene Jungvogel überlebt. Dazu werden die Zweitgeborenen direkt nach dem Schlüpfen aus dem Horst entnommen, bevor sie von den erstgeborenen Nestlingen auf Grund ihres arttypischen Aggressionstriebs getötet werden oder durch aktives Verdrängen des Erstgeborenen verhungern.

Nach der artgerechten Aufzucht in einer Naturschutzstation erfolgt das Wiedereinsetzen in den Horst sobald der Aggressionstrieb der Jungvögel erloschen ist. Die weitere Aufzucht bis zum Ausfliegen erfolgt dann wieder durch die Altvögel im Horst.

In sehr nahrungsarmen Jahren wie 2009 kann das Wiedereinsetzen eines zusätzlichen Jungvogels zu Nahrungsengpässen für beide Nestlinge führen. Daher kommt im Jahr 2009 erstmals auch die Auswilderung nach der sogenannten Kunsthorst-Methode („Hacking“) zur Anwendung. Als Kunsthorste fungieren große Auswilderungsvolieren in schreiadlertypischen Lebensräumen.

Da in nahrungsarmen Jahren schon beim Gelege „gespart“ wird, indem die Vögel nur ein Ei legen, oder ganz mit der Brut aussetzen, werden im Rahmen des Projektes zusätzlich zweitgeborene Jungvögel aus Lettland, einem Kerngebiet des Schreiadlervorkommens, eingeführt, aufgezogen und ebenfalls in Deutschland ausgewildert.

Erfolgreiche Auswilderung, aber hohe Verlustraten auf dem Zugweg
Schreiadler im Flug © Jan Bleil
Insbesondere auf seinem Zug nach Afrika ist der Schreiadler vielen Gefahren ausgesetzt.

Das Projekt läuft seit Anfang 2007. In den ersten beiden Jahren konnten 14 deutsche und 8 lettische Jungadler erfolgreich aus den Horsten entnommen und großgezogen werden. 21 Jungadler sind nach Erlöschen des Aggressionstriebs in die Schreiadlerhorste zurückgesetzt worden. 18 Jungadler konnten erfolgreich ausfliegen. 2009 sind 13 lettische Jungadler erfolgreich aufgezogen, in den Kunsthorsten großgezogen und alle mit Sendern versehen worden. Alle 13 Adler sind flügge geworden.

Zur Kontrolle des Projekterfolgs wurden bisher insgesamt 45 Jungvögel und 6 Altvögel besendert und mit Hilfe der GPS-Satelliten-Telemetrie überwacht. Darunter zu Vergleichszwecken auch einige „ungemanagte“ Vögel.

Da niemals zuvor eine solch hohe Anzahl junger Schreiadler besendert worden ist, können künftig durch das Projekt erstmalig auch genauere Zahlen über die Todesrate von jungen Schreiadlern auf ihrem ersten Zugweg in das südliche Afrika ermittelt werden. Darüber hinaus kann auch ein großer Teil der Ursachen für den Verlust ermittelt werden. Besonders erstaunlich ist die Bandbreite der Verlustursachen. Sie reicht vom Abschuss durch Wilderer, das Ertrinken im Mittelmeer beim Zug in die Überwinterungsgebiete, Kollisionen mit Autos, Anflug an Stromleitungen bis hin zum Verdacht auf Vergiftung.

Ausblick

Die Untersuchungen der nächsten Jahre müssen zeigen, ob die ergriffenen Maßnahmen helfen, die Schreiadlerpopulation zu stabilisieren. Die abschließenden Projektergebnisse werden bis Ende 2011 vorliegen.

Kurzinfo:
Projekttitel Jungvogelmanagement - eine Sofortmaßnahme zur Unterstützung der bedrohten Population des Schreiadlers
Stand des Projekts laufendes Vorhaben, voraussichtliches Ende 12/2011
Aktenzeichen 24574-33/0
Projektträge Deutsche Wildtier Stiftung
Billbrookdeich 216
22113 Hamburg
Ansprechpartner Hilmar Freiherr v. Münchhausen
Margit Meergans
Telefon (040) 733 39 18 -72/-79
Kooperationspartner - Staatliche Vogelschutzwarte Brandenburg
- Naturschutzstation Woblitz
Internet www.DeutscheWildtierStiftung.de

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