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18.09.2008 |
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Arved Fuchs: „Jedes Abenteuer in der Natur ist ein Kaleidoskop der Sinne“

Original-Wortlaut und O-Töne des DBU-Interviews – Polarforscher stiftet Preis bei Jugendwettbewerb "Entdecke die Vielfalt der Natur!"
Arved Fuchs
Der Polarforscher Arved Fuchs stiftet einen Sonderpreis beim Jugendwettbewerb "Entdecke die Vielfalt der Natur!" der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU).
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Fuchs definiert den Begriff Abenteuer

Osnabrück/Bad Bramstedt. Am 19. Oktober ist Einsendeschluss für den Jugendwettbewerb „Entdecke die Vielfalt der Natur!“ der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU). Kinder und Jugendliche zwischen zehn und 14 Jahren können sich dabei künstlerisch oder naturwissenschaftlich mit der biologischen Vielfalt auseinandersetzen. Zu gewinnen gibt es Preise im Gesamtwert von 40.000 Euro. Einen besonderen stiftet Polarforscher Arved Fuchs (55, Bad Bramstedt). Wie dieser aussehen wird und ob man vor seiner eigenen Haustür Abenteuer erleben kann, hat die DBU Arved Fuchs gefragt.

 

DBU: Sie sind von Beruf ein Abenteurer. Was denken Sie – was bedeutet der Begriff Abenteuer heutzutage für Kinder und Jugendliche?

Fuchs: „Ich habe für den Begriff Abenteuer eine etwas eigene Definition. Abenteuer bedeutet für mich nicht, die Suche nach möglichst riskanten Situationen, nach einer Art von Risikomaximierung. Abenteuer ist für mich etwas, was im Kopf stattfindet: die Freiheit, aufzubrechen und sich Situationen zu stellen, die aus der Sicht der anderen ungewöhnlich sind. Es ist für mich ein kreatives Element, sich auf eine ganz bestimmte Art und Weise mit der Natur auseinanderzusetzen. Dieses Verständnis möchte ich gern weiterreichen.“

Fuchs beschreibt das Abenteuer in der Natur als Kaleidoskop der Sinne

DBU: Sie meinen das tatsächliche Abenteuer in der Natur. Gibt es auch fiktive Abenteuer am Computer?

Fuchs: „Am Computer ist das weniger möglich, denke ich. Für mich ist Abenteuer in gewisser Weise der gelebte Minimalismus in der Natur. Also nicht, sich irgendwo mit einem riesigen technischen Aufwand aufs grönländische Inlandeis zu stellen und die technische Zivilisation dort mit hin zu transportieren. Sondern Abenteuer ist, mit möglichst wenig Dingen in der Natur zu leben. Es geht darum, die Natur in ihrer Komplexität zu erfahren und dadurch seine Sinne zu schärfen. Das passiert, indem man sich ihr unterordnet, sich eingliedert und seine Instinkte und Sinne schärft, wie den Geruchs- oder Geschmackssinn. Dann kriegt man wirklich wieder ein Gespür für die Natur und schärft letztendlich seine Sensibilität im Umgang mit ihr. Darum geht es mir in einem ganz besonderen Maße. Im Grunde genommen ist das immer ein Kaleidoskop der Sinne, wenn man in der Natur unterwegs ist.“

Fuchs glaubt, dass wir viele Probleme dadurch haben, dass Natur zu etwas Abstraktem geworden ist

DBU: Kann man Abenteuer in Deutschland vor seiner eigenen Haustür erleben?

Fuchs: „Ich denke schon. Für mich fing früher das Abenteuer hinter dem Haus auf der Wiese oder im Wald an. Das sind Orte, an denen gerade junge Menschen die Natur erfahren können. So ist bei mir ja auch die Leidenschaft entstanden. Man muss nicht nach Afrika oder Grönland fahren, um Natur zu erleben. Sie findet hier draußen statt. Dadurch kann man auch hier eine Begeisterung bei jungen Menschen schaffen und eine Sensibilität. Mal weg vom Rechner und in der Natur leben! Denn ich glaube, dass wir viele Probleme dadurch haben, dass die Natur zu etwas völlig Abstraktem geworden ist. Sie hat einen Freizeitpark-Charakter und hat zu funktionieren. Dass wir alle ein Teil vom Ganzen sind und dass es einfach spannend ist, sich in der Natur zu bewegen und sie zu interpretieren – das Verständnis ist abhanden gekommen.“

Das Leben draußen war ein elementarer Teil des Tagesablaufes

DBU: Hatten Sie denn ein spezielles Erlebnis in Ihrer Kindheit, was zu Ihrem heutigen Expeditionsleben geführt hat?

Fuchs: „Nein, es hat nicht dieses bewusste Schlüsselerlebnis gegeben. Ich bin in einer Kleinstadt aufgewachsen, in der es rund herum grün war. Für mich war das Leben draußen immer ein elementarer Teil meines Tagesablaufes. Jede freie Minute habe ich draußen verbracht. Ich bin auf Bäume geklettert und habe alles Mögliche gemacht: Sportarten betrieben, Natursportarten wie Paddeln, Reiten, Laufen, Wandern. Was auch immer unter freiem Himmel stattfand, hat mich begeistert. Und als Kind und Jugendlicher – so unbefangen wie man da ist – habe ich gedacht: das machst du dein Leben lang! Das ist das, was dich interessiert und was du gerne machen möchtest. Und als junger Erwachsener gab es natürlich schon die Überlegung: Was machst du jetzt? Wirst du nach Maßgabe anderer vernünftig und lässt das alles sein? Oder lebst du weiter nach eigenen Maßgaben und bist nach den Vorstellungen anderer unvernünftig? Das war für mich so eine Weichenstellung, die ich in meinem Leben getroffen habe.“

Naturerfahrung ist immer etwas Aktives - Sport öffnet eine Tür zur Natur

DBU: Gehört das zusammen, Sport und Natur? Vielmehr: öffnet der Sport eine Tür zur Natur?

Fuchs: „Unbedingt! Die Natur zu erfahren, ist ja immer etwas Aktives. Ich nehme nicht meinen Lehnstuhl mit raus in die Natur und lasse alles an mir vorbeiziehen. Sondern ich möchte mich integrieren in die Natur, das heißt vorwärts bewegen. Einem Flusslauf zu folgen beispielsweise, ist etwas ganz Tolles, weil hinter jeder Biegung ein Stückchen neue Natur entdeckt wird. Man ist mobil auf diese Art und Weise. Wenn man zum Beispiel paddelt oder wandert, entdeckt man hinter jeder Wegbiegung, hinter jeder neuen Hecke immer wieder etwas anderes. Das ist die Mobilität, die damit einhergeht. Die setzt natürlich voraus, dass man auch Freude an der Bewegung und am Vorankommen hat. Je fitter man ist, desto mehr kann man machen!“

Arved Fuchs engagiert sich für Jugendliche
Polarforscher Arved Fuchs engagiert sich für Jugendliche. Auf seinem Expeditionsschiff "Dagmar Aaen" zeigt er ihnen die arktische Natur, macht sie zu Botschaftern der Arktis und formt ein Team. Beim DBU-Jugendwettbwerb kann man einen Tag mit dem Abenteurer gewinnen.
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Natur vermitteln durch Erleben

DBU: Wie wichtig ist das für Kinder, Natur leibhaftig – mit eigenen Augen und eigenen Händen – zu sehen und zu spüren?

Fuchs: „Aus meiner Erfahrung ist es ein kolossal wichtiges Element! Wir selbst machen Jugendcamps, gerade haben wir eines auf Island durchgeführt. Dabei kommen Jugendliche aus verschiedenen Ländern zusammen. Sie kriegen einerseits Unterricht, anderseits begreifen sie die Natur im wahrsten Sinne des Wortes. Ich kann mich natürlich in einen Klassenraum hinstellen und über Gletscher referieren oder über gefährdete Arten erzählen. Das ist dann ein Lehrstoff, der theoretisch vermittelt wird. Wenn ich über Wale spreche, ist das das Eine. Aber wenn ich anschließend rausgehe und einen Wal sehe, der vier Meter neben dem Schiff ist – dann hat das eine völlig andere Wirkung! Das ist wirklich: dieses Erfassen der ganzen Komplexität. Das löst bei jungen Menschen etwas aus. Deshalb sollte man sich hüten, Natur einfach nur theoretisch zu vermitteln – zu sagen: ‚Das ist hier, das ist dort’.

Eine großartige Art der Vermittlung ist – was es so heute gar nicht mehr gibt – der Wandertag in der Schule. Früher ist der Lehrer mit den Schulklassen raus gegangen und hat erklärt: ‚Das ist ein Maikäfer oder ein Regenwurm. Diese Pflanzen heißen so und so’. Gerade die Natur vor der Haustür sollte nicht einfach durch Lehrbücher, sondern durch das Erleben vermittelt werden! Das sind Kinder, das sind Jugendliche – die gerade dadurch etwas erfassen, dass sie es auch mal in die Hand nehmen, etwas riechen. Dass sie etwas machen, bei dem ihre Sinne gefordert sind, das ist, glaube ich, ganz, ganz wichtig!“

Fuchs erklärt, warum ihm die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen am Herzen liegt

DBU: Sie engagieren sich für Kinder und Jugendliche und haben gerade schon ihr Projekt Ice-Climate-Education erwähnt, bei dem sie Jugendliche aus verschiedenen Kontinenten zu Botschaftern der Arktis machen. Jetzt motivieren Sie Kinder und Jugendliche dazu, beim DBU-Wettbewerb „Entdecke die Vielfalt der Natur!“ mitzumachen. Weshalb?

Fuchs: „Ich glaube, es ist zweierlei. Zum einen möchte ich gerne von meinem Glück, die Natur so zu erleben und meinen Werdegang so gefunden zu haben, etwas abgeben. Das ist etwas, was ich leisten kann. Und mir macht es Spaß, mit jungen Menschen zu arbeiten. Das ist nicht irgendein Handwerk für mich. Das ist etwas Besonderes, weil die jungen Menschen mir etwas zurückgeben. Zum anderen sehe ich mich auch in der Pflicht, etwas zu machen. Man kann nicht über Klimawandel lamentieren und irgendwelche Schuldzuweisungen treffen oder sagen, ‚wir müssen alles ändern’ – ohne selbst aktiv zu werden. Und hier kann ich aktiv werden!

Es macht mich einfach sehr betroffen, wenn ich sehe, wie sehr sich die Natur innerhalb von 30 Jahren – speziell in den letzten Jahren durch den Klimawandel – im arktischen Raum verändert und auch andernorts. Das lässt mich nicht kalt! Ich fahre dorthin, weil mir diese Landschaften sehr viel bedeuten, weil sie mir ans Herz gewachsen sind. Nun merke ich, wie sich das in einem rasanten Tempo verändert. Und die Generation, die heute heranwächst, die wird damit umzugehen haben. Insofern sehe ich mich in der Pflicht, mit den jungen Leuten zu arbeiten. Die kann man am ehesten erreichen und die werden es sein, die dann irgendwann die Weichenstellung treffen.“

Expeditionsschiff Dagmar Aaen
Der Sonderpreis beim DBU-Jugendwettbewerb, den Arved Fuchs stiftet, ist ein Tag für eine Jugendgruppe auf seinem Expeditionsschiff "Dagmar Aaen".
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Der von ihm gestiftete Preis ist
Was sich Fuchs von den Teilnehmern wünscht

DBU: Sie stiften einen ganz besonderen Preis beim DBU-Wettbewerb. Verraten Sie ihn?

Fuchs: „Ja! Das ist ein Tag auf dem Expeditionsschiff ‚Dagmar Aaen’.“

DBU: Das Segelschiff, ein ehemaliger Fischkutter, haben Sie Ende der achtziger Jahre restauriert und mit ihm schon viele Reisen unternommen. Zum Beispiel die Nordwestpassage durchquert und Nord- und Südamerika umrundet – jeweils ohne Unterstützung eines Eisbrechers. Für welchen Einsatz könnte ein Jugendteam mit einem Tag auf diesem Schiff belohnt werden?

Fuchs: „Ich wünsche mir von den Teilnehmern, dass sie sich engagieren in der Natur. Dass sie sich beispielsweise mit Themen des Artenschutzes, der Artenvielfalt oder der Klimaproblematik auseinandersetzen. Sie sollen sich aktiv mit der Natur auseinandersetzen, aber natürlich auch mit Problemkreisen. Sie sollen überlegen: Was können wir machen? Was kann ich als Einzelner machen? Kann ich überhaupt was machen? Oder kann ich gar nichts machen?“

Warum ein motiviertes Team effektiver ist als ein Einzelgänger

DBU: Viele denken, Naturliebhaber wären Einzelgänger und Eigenbrödler. Bei Ihren Expeditionen sind Sie aber auf eine starke, gut zusammenarbeitende Mannschaft angewiesen. Beim DBU-Wettbewerb kann man auch als Team teilnehmen, zum Beispiel mit Freunden. Profitiert die Umwelt mehr, wenn man gemeinsam etwas unternimmt?

Fuchs: „Einzelgänger bewirken in der Regel weniger als ein engagiertes Team, das ist ganz klar! Ein Team bedeutet immer, dass man gemeinsam an einem Strang zieht. Deshalb eignet sich auch ein Expeditionsschiff sehr gut als Beispiel, wie es gelingen kann, ein Team zu formen. Wenn ich mich als Kapitän hinstelle und sage, ich will das Schiff alleine fahren – dann geht es nicht. Ich brauche jemanden, der die Segel hochzieht. Und alle sind verbunden durch ein gemeinsames Ziel, einen gemeinsamen Gedanken. So unterschiedlich jeder Mensch in seiner Art vielleicht sein mag, aber alles verbindet sie in der Situation mit dieser gemeinsamen Aufgabe. Deshalb ist ein gut eingestelltes Team, das zugleich hoch motiviert ist, immer effektiver, als wenn jemand alleine vor sich hinbröselt.“

Weshalb Arved Fuchs mit seinen Geschichten an die Öffentlichkeit geht

DBU: Wenn Sie nicht gerade unwegsame Natur erkunden, tragen Sie Ihre Erlebnisse und Erfahrungen in die Öffentlichkeit, durch Fernsehauftritte, Vorträge und Ausstellungen. Wie wichtig ist es – insbesondere für den Umweltschutz –, andere Menschen über Erlebnisse zu informieren?

Fuchs: „Wer nicht bereit ist, etwas abzugeben, der hat auch nichts zu sagen. Ich kann heute nicht nur zurückkommen und schöne Bilder und spannende Geschichten erzählen, ohne den Finger in die Wunde zu legen. Das ist die Chronistenpflicht, die damit einhergeht. Einfach alles für sich alleine zu behalten, das kann ich gar nicht. Ich glaube, ich würde platzen! Diese Eindrücke und Erlebnisse müssen raus – die will ich teilen mit anderen Menschen. Insofern ist das auch ein Anliegen von mir.“

Beigeisterung muss selbst entdeckt werden

DBU: Wie begeistert man Menschen? Haben Sie Tipps für die Jugendlichen, wie sie mit ihren Wettbewerbsideen in die Öffentlichkeit gehen können?

Fuchs: „Ich glaube, man muss junge Menschen ihre Begeisterung selbst entdecken lassen. Man muss sie behutsam heranführen, ihnen einzelne Dinge in der Natur zeigen und dann eine Begeisterung selbstständig entstehen lassen. Beispielsweise haben die Jugendlichen, mit denen ich in die Arktis fahre, die Erwartungshaltung, es ist alles grau und da ist ja gar nichts. Und dann geht man mit ihnen dorthin und sie sehen plötzlich, da ist viel mehr, und entdecken es für sich selbst. Aber wir müssen die Brücke schlagen. Man muss es ihnen ermöglichen, etwas für sie Fremdes kennenzulernen. Alles Weitere geschieht dann von allein.“

Abenteurer sind unterwegs als Stellvertreter für die Menschen

DBU: Und wie reagieren Menschen auf Ihre Erzählungen, die selbst nicht dieses Fremde kennengelernt haben?

Fuchs: “Ganz unterschiedlich. Für einige Menschen ist man eine Art Stellvertreter. Viele Menschen können das nicht machen, was ich mache, weil sie einen ganz anderen Werdegang eingeschlagen haben. Andere würden sich das vielleicht nicht zutrauen, haben ganz andere Talente. Das schließt aber nicht aus, dass diese Themen sie trotzdem interessieren. Wenn man zurückkommt und darüber berichtet, ist das ein authentischer Bericht, der aktuell ist über eine bestimmte Landschaft, über eine Region, ein bestimmtes Thema. Das interessiert die Menschen, die Zuhörer oder Zuschauer.“


Das Interview führte Taalke Nieberding, DBU.

Informationen zum Jugendwettbewerb gibt es unter http://www.entdecke-die-vielfalt.de/.

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