19.06.2002 | Michail Gorbatschow weihte "WestÖstliches Tor" ein

Deutsche Bundesstiftung Umwelt förderte mit über 100.000 Euro - Bestandsaufnahme schützenwerter Lebensräume an ehemaliger Grenze

WestÖstliches Tor
Das "WestÖstliche Tor" auf der ehemaligen innerdeutschen Grenze.
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Eichsfeld. Anlässlich der Einweihung des mit über 100.000 Euro von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU), Osnabrück, geförderten "WestÖstlichen Tores" im Eichsfeld zwischen Thüringen und Niedersachsen durch Michail Gorbatschow und DBU-Generalsekretär Fritz Brickwedde hat der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) eine Bestandsaufnahme der schützenswerten Lebensräume entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze vorgestellt. Die Ergebnisse machten deutlich, was für ein seltenes Naturerbe die DDR mit dem Grenzstreifen ungewollt hinterlassen habe. Für den Erhalt dieses längsten Biotopverbundsystems Deutschlands setze sich der BUND bereits seit dem Fall der Mauer im Rahmen des Naturschutzprojekts "Das Grüne Band" ein.

"Perlenkette wertvollster Biotope"

Dr. Angelika Zahrnt, BUND-Bundesvorsitzende: "Von der Ostsee bis ins bayerisch-sächsische Vogtland bildet das Grüne Band eine Perlenkette wertvollster Biotope. Zugleich erinnert es an die Teilung Deutschlands und Europas. Das WestÖstliche Tor verbindet beide Elemente - den Naturschutz und die politische Geschichte - in einem künstlerischen Zeichen. Wir freuen uns sehr über die besondere Ehrung, die unser langjähriger Einsatz für das Grüne Band erfährt, indem Michail Gorbatschow, einer der Protagonisten der Wende in Europa, das WestÖstliche Tor einweiht."

66 Roteichen gepflanzt

Zwei zwölf Meter hohe Eichenstämme, am Boden mit einer Edelstahlschwelle verbunden, formen das Tor. Darum herum wurden 66 Roteichen gepflanzt, deren tiefrote Blätter im Herbst weithin sichtbar sein werden. Über die Stahlschwelle hinaus werden Herbstblausterne blühend den Verlauf der ehemaligen Grenze anzeigen.

"Durchblick auf die wieder zusammen wachsende deutsche Landschaft"

Fritz Brickwedde, DBU-Generalsekretär: "Das WestÖstliche Tor vereinigt künstlerisch gestaltet die gegensätzlichen Elemente der Durchlässigkeit und der Verbundenheit und symbolisiert gleichermaßen den Schutz von Naturräumen durch ein offenes Tor, nicht durch Zäune. Sein Prinzip kennzeichnet die zentrale Botschaft des Vorhabens: Es bietet Schutz und ermöglicht Zugang. Es kennzeichnet eine Grenze, aber es ermöglicht auch ihre Überschreitung, ist Eingang und Ausgang gleichermaßen. Es lädt zum Durchblick ein auf die wieder zusammenwachsende deutsche Landschaft, zum ungehinderten und ungefährdeten Durchschreiten und zur Erinnerung. Es gestattet damit den Blick zurück und den nach vorn. Für diesen Zweck haben wir gern über 100.000 Euro zur Verfügung gestellt."

"Längste" Bestandsaufnahme in der Geschichte des deutschen Naturschutzes

Um den aktuellen Zustand der Biotope auf dem ehemaligen Grenzstreifen zu ermitteln und Schutzkonzepte zu erarbeiten, hat der BUND-Landesverband Bayern (Bund Naturschutz) nach eigenen Angaben seit April 2001 die "längste" Bestandsaufnahme in der Geschichte des deutsches Naturschutzes durchgeführt. Die Ergebnisse untermauerten die hohe Schutzwürdigkeit des 194 Quadratkilometer großen und 1.393 Kilometer langen Grünen Bandes, das vor allem durch Flächenverkäufe, landwirtschaftliche Eingriffe und Straßenbauprojekte bedroht werde.

80 verschiedene Biotoptypen erfasst

Im Rahmen der Bestandsaufnahme seien über 80 verschiedene Biotoptypen erfasst worden. Knapp die Hälfte der Fläche des Grünen Bandes bestehe aus Biotoptypen, die von der Roten Liste als gefährdet eingestuft würden, wie zum Beispiel Halbtrockenrasen, orchideenreiche Buchenwälder, Zwergstrauchheiden. In einigen ausgewählten Gebieten seien auch die Tier- und Pflanzenarten aufgenommen worden. Dabei seien bereits 1.044 Arten mit den unterschiedlichsten ökologischen Ansprüchen nachgewiesen worden, die in Deutschland gefährdet oder vom Aussterben bedroht seien. Durch die Vielfalt seiner Biotoptypen biete das Grüne Band Rückzugsräume für seltene Tiere, vom Laubfrosch und dem Braunkehlchen über den Raubwürger und den Wachtelkönig bis hin zum Schwarzstorch und dem Fischotter.

"Naturschätze gezielt schützen"

Jürgen Trittin, Bundesumweltminister: "Die Bestandsaufnahme liefert eine gute Grundlage, um die Naturschätze auf dem Gelände des ehemaligen Grenzstreifens gezielt zu schützen. So konnten 32 besonders schützenswerte Schwerpunkträume ermittelt werden. Allein 20 davon mit bundesweiter Bedeutung, die zusammen 659 Kilometer des Grünen Bandes abdecken."

Europaweit bedeutsam

Prof. Dr. Hubert Weiger, Vorsitzender des Bundes Naturschutz: "Zuversichtlich stimmt, dass 90 Prozent des Grünen Bandes noch nicht zu Acker, Intensivgrünland oder Intensivweideflächen degradiert wurden. Die Funktion des ersten gesamtdeutschen Naturschutzprojekts als modellhaftes, europaweit bedeutsames Biotopverbundsystem ist zurzeit noch intakt."

"Schutzbemühungen weiter voran treiben"

Prof. Dr. Hartmut Vogtmann, Präsident des Bundesamtes für Naturschutz: "Entlang des Grünen Bandes sind bislang 150 Naturschutzgebiete ausgewiesen worden. Darin sind 28 Prozent der Flächen, 5.347 Hektar, geschützt und sogar 42 Prozent, 8.151 Hektar, als FFH-Gebiete gemeldet. Der Schutz solcher Biotopverbundstrukturen stellt ein zentrales Ziel des Naturschutzes dar, was auch durch eine neue Regelung im § 3 des Bundesnaturschutzgesetzes deutlich hervorgehoben wird. Hier sind der Bund und die Länder gefragt, ihre Schutzbemühungen weiter voran zu treiben."

Konkrete Vorschläge für den Schutz des einmaligen Ökosystems

Zur Ergänzung der Bestandsaufnahme habe das BUND-Projektbüro Grünes Band die Knoten und Quervernetzungen des Biotopverbunds ermittelt, indem es gezielt die Unterlagen und Planungen der Naturschutzfachbehörden und Verbände der 38 angrenzenden Landkreise ausgewertet habe. In Kürze werde der BUND konkrete Vorschläge für den Schutz und die Entwicklung des einmaligen Ökosystems vorlegen.



Rede des Generalsekretärs anlässlich der Einweihung des "WestÖstlichen Tores" auf dem Kutschenberg zwischen Duderstadt und Ecklingerode

Sehr geehrter Herr Gorbatschow, sehr geehrter Herr Minister Trittin, sehr geehrter Herr Minister Sklenar, sehr geehrter Herr Prof. Vogtmann, sehr geehrte Frau Dr. Zahrnt, meine sehr geehrten Damen und Herren!

Ihrer Einladung, am heutigen Tage an der Eröffnung und Einweihung des "WestÖstlichen Tores" hier auf dem Kutschenberg teilzunehmen und ein kurzes Grußwort zu halten, komme ich mit großer Freude nach.

Der heutige Festakt stellt sicher einen Höhepunkt der intensiven Projektarbeit des BUND dar, die sich unter dem Begriff "Das grüne Band" bereits seit November 1989 auf die Durchführung eines gesamtdeutschen Naturschutzprojektes konzentriert. Bevor ich im Folgenden näher auf die Beweggründe eingehen möchte, die zu einer finanziellen Unterstützung des Projektes durch die DBU geführt haben, gestatten Sie mir zu Beginn noch einige generelle Anmerkungen zur Umweltstiftung.

Die Deutsche Bundesstiftung Umwelt, die aus der Privatisierung des ehemaligen bundeseigenen Salzgitter-Konzerns hervorgegangen ist und die auf Vorschlag des Bundesfinanzministers durch Gesetz des Deutschen Bundestages errichtet wurde, zählt mit einem Stiftungskapital von ca. 1,7 Milliarden Euro zu den größten Stiftungen Europas. In ihrer jetzt elfjährigen Tätigkeit hat sie bereits über 4850 Projekte mit einem Fördervolumen von mehr als 940 Millionen Euro zum Schutz der Umwelt auf den Weg gebracht.

Die Stiftung will vor allem dazu beitragen, durch die Förderung umwelt- und gesundheitsfreundlicher Produktionsverfahren und Produkte eine stärker zukunftsorientierte, ökologisch verantwortbare Marktwirtschaft zu entwickeln. Im Mittelpunkt der Förderung stehen dabei vor allem die kleinen und mittleren Unternehmen, deren Innovationskraft mit dem Ziel der Umweltentlastung gefördert werden soll. Dieser vorrangige Förderzweck wird ergänzt durch die Förderung von Projekten der Umweltforschung sowie von Modellvorhaben zum Schutz umweltgeschädigter Kulturgüter.

Einen hohen Rang nimmt auch die Förderung von Projekten zur Wissensvermittlung und zum Wissensaustausch über den Umweltschutz ein. Umweltschutz und Umweltvorsorge lassen sich nur konsequent verwirklichen, wenn die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung ihre Zielsetzungen und Maßnahmen im Grundsatz nachvollziehen kann, wenn sie sich daraus zu eigener Verantwortung bekennt und auch bereit ist, aktiv zur Erreichung der Ziele mitzuarbeiten.

Dieser Schritt setzt aber fundiertes Wissen um das Ausmaß der gegenwärtigen Umweltsituation und der Lösungsmöglichkeiten, ebenso aber auch eine realistische Einschätzung der vielfach schwierigen Rahmenbedingungen und - vielleicht noch wichtiger - eine ökologisch-ethische Urteilsbildung und Handlungsorientierung voraus.

Zur Erreichung dieser Ziele sind Informationsvermittlung und Aufklärung unabdingbare Voraussetzung. Der Vermittlung von Umweltinformationen und der Umweltbewusstseinsbildung kommt dabei eine zentrale Bedeutung zu. Wichtig ist es, Menschen auf möglichst vielfältige Weise - und so natürlich auch auf künstlerische Weise - anzusprechen und damit an Themen des Umwelt- und Naturschutzes heranzuführen.

Gegenstand des Projektes "WestÖstliches Tor" war und ist die Durchführung von Maßnahmen zur Sensibilisierung und Aufklärung der allgemeinen Öffentlichkeit, der Medienöffentlichkeit und der Fachwelt über die Realisierung großräumiger Biotopverbundsysteme. Im Brennpunkt des Vorhabens steht damit der Naturschutz, der wesentlicher Bestandteil einer nachhaltigen Entwicklung ist, wie sie auf der Umweltkonferenz der Vereinten Nationen in Rio de Janeiro von 179 Staaten als Agenda 21 vereinbart wurde. Auf der gleichen Konferenz wurde auch das "Übereinkommen über die biologische Vielfalt" - kurz die Biodiversitätskonvention - verabschiedet, die eine wesentliche Grundlage der globalen Naturschutzpolitik bildet.

Auch die Deutsche Bundesstiftung Umwelt hat mit einer Ergänzung der Satzung und Förderleitlinien im letzten Jahr dem Naturschutz im Kanon der Förderaktivitäten einen breiteren Raum gegeben. Mit herausragenden Projekten von gesamtstaatlicher Bedeutung möchten wir dabei helfen, das nationale Naturerbe zu bewahren oder wiederherzustellen. Gefördert werden können Vorhaben, die Lebensräume oder wildlebende Arten schützen sowie einer natürlichen, standortspezifischen, genetischen Vielfalt und einer nachhaltigen Nutzung von Arten und Ökosystemen dienen.

Aber auch schon seit Beginn ihrer Fördertätigkeit hat die DBU zahlreiche Projekte unterstützt, die sich dem Naturschutz zuordnen lassen. Unter den vielfältigen Naturschutzprojekten finden sich Themen wie die Revitalisierung von Fließgewässern, die Entwicklung naturschutzgerechter Landnutzungsformen, der Aufbau von Bildungseinrichtungen und Informationszentren in Schutzgebieten sowie Veranstaltungen und Ausstellungen. Beispielhaft genannt seien an dieser Stelle die Blumberger Mühle und die Burg Lenzen in Brandenburg, die Artenschutzschule Metelen in Nordrhein-Westfalen, das Nationalpark-Haus Sächsische Schweiz oder das Zentrum für Umwelt und Kultur in Benediktbeuern (Bayern).

Bei der Förderung von Naturschutzprojekten wird es zukünftig um
- die Bewahrung und Wiederherstellung des Naturschutzpotentials in genutzten Landschaften,
- um die Sicherung von Lebensräumen mit hohem Naturschutzpotential für Pflanzen und Tiere,
- um das Entwickeln und Umsetzen von Schutz- und Managementkonzepten für Lebensräume, die durch historische Landnutzungsformen entstanden sind,
- um die Entwicklung und Erprobung von Naturschutzkonzepten in besie-delten Räumen sowie
- um die langfristige Sicherung und Wiederherstellung ausgewählter Naturlandschaften und Schutzgebiete gehen.

Die Projekte müssen dabei von herausragender überregionaler oder länderübergreifender Bedeutung sein oder sie zumindest erlangen können und erkennen lassen, dass die zu schützenden Pflanzen, Tiere und Lebensräume dauerhaft gesichert werden können.

In diesem Kontext ist auch das vom BUND Landesverband Bayern durchge-führte und von der DBU mit 100.000 Euro finanzierte Projekt "WestÖstliches Tor" zu sehen. Die Brache-Streifen der ehemaligen innerdeutschen Grenze stellen mit ihrer Vielfalt an Biotoptypen eine national bedeutsame Biotopverbundachse dar. Das vom Projektträger initiierte Vorhaben greift dieses Beispiel praxisnah auf und zielt auf den Erhalt der einmaligen Biotopstruktur des "Grünen Bandes" am ehemaligen inner-deutschen Grenzstreifen.

Der Grundansatz des Projektes, durch ein künstlerisch gestaltetes Tor das Element des "Durchlässigen und Verbindenden" zu betonen und gleichermaßen einen Schutz von Naturräumen durch ein offenes Tor und nicht durch Zäune zu symbolisieren, ist originell und neu. Das "Prinzip" des Tores kennzeichnet dabei die zentrale Botschaft des Vorhabens: Es verbindet unterschiedliche Bereiche (z. B. innen und außen), bietet Schutz und ermöglicht Zugang. Es kennzeichnet gleichzeitig eine Grenze und es ermöglicht ihre Überschreitung, ist Eingang und Ausgang gleichermaßen. Ein entsprechend gestaltetes Kunstwerk lädt zum "Durchblick" auf die wieder zusammenwachsende deutsche Landschaft ein und ermöglicht zugleich ein ungehindertes und ungefährdetes Durchschreiten des Raumes. Damit gestattet es den Blick zurück und nach vorn.

Ich bin der festen Überzeugung, dass das Projekt "WestÖstliches Tor" nicht nur einen Beitrag zum Schutz des durch neun Bundesländer laufenden Biotopverbundsystems leisten wird, sondern insbesondere auch vielen Menschen einen - im wahrsten Sinne des Wortes - neuen Zugang zum Natuschutzthema generell eröffnen und den Blick für die Notwendigkeit gemeinsamer Schutzstrategien schärfen kann.

In diesem Sinne wünsche ich dem Projektträger und allen beteiligten Kooperationspartnern für die weitere Arbeit viel Erfolg!